Maze_1Ein Text von Mikael Andersson — Übersetzt von Sebastian Hallen

Inzwischen ist es eine Tatsache: Michael Maze ist zurück! Anfang Februar gab Maze sein Debut nach langer Verletzungspause beim DHS Europe Cup in Lausanne.

Antrieb und Wille sind zwei der wichtigsten Eigenschaften für Topathleten. Von Zeit zu Zeit muss man jedoch noch tiefer gehen — sich durchkämpfen, Schmerzen durchstehen, um wieder an die Spitze zu kommen. An manchen Tagen kann das Licht jedoch auch ausgehen, Verletzungen passieren, Karrieren enden, einfach so.  Dies ist die Geschichte eines Jahres voller Schmerzen und Zweifel und zeigt die Wichtigkeit von Durchhaltevermögen und dem Willen, wieder zurück zu kommen.

Wie es der Zufall so will, traf ich Michael Maze vor ein paar Monaten in Kopenhagen. Es war ein sonniger, freundlicher Tag im Spätnovember in einer turbulenten Zeit für den dänischen Tischtennisverband. Gerade vor ein paar Tagen wurde der Nationaltrainer, der seine Arbeit mit einem 14 jährigen Michael Maze begann und seinen Schüler bis zuletzt begleitete, entlassen: Peter Sartz.

Wir setzten uns zusammen und sprachen über die Vergangenheit, die Gegenwart und die Zukunft.  Ein Großteil der Unterhaltung drehte sich um das Jahr 2013, das Michael Maze aus seiner Perspektive mit den Buchstaben H-Ö-L-L-E treffend zusammenfasste. Als interessierter Außenseiter war mir gar nicht bewusst, wie schwerwiegend Michaels Verletzungen wirklich waren, und dass er 2012 und 2013 zwei Hüftoperationen hatte durchstehen müssen.

 

1993 — Dänisches Erfolgsprogramm trifft auf toptalentierten 12-jährigen Linkshänder

Aber beginnen wir mit der Vergangenheit. Es gab eine Zeit in meinem Leben, wo ich  fast täglich die Autobahn E6 von Halmstadt, Schweden runter bis in die Kopenhagener Vorstadt Brondby fahren musste. An einem guten Tag schaffte ich die Strecke in 2 Stunden, 20 Minuten, Tür zu Tür. 1988 nahm ich meine Arbeit als dänischer Nationaltrainer auf und begleitete den dänischen Verband 7 teils stürmische Jahre hindurch. Rückblickend würde ich diese Zeit in meinem Leben mit der Beschreibung „General und Frontsoldat in Dänemark“ bezeichnen. In Zusammenarbeit haben wir, die Spieler, mein Trainerstab und ich – ein junger Karrierecoach aus Schweden – dennoch einiges bewegt und den Erfolg, den das dänische Tischtennis in den Jahren nach meiner Trainerzeit feiern konnte, nicht unwesentlich vorbereitet.

Spät im Jahr 1993 begegnete ich Michael Maze zum ersten Mal. In unserem „Erfolgsplan des dänischen Tischtennis“ führten wir das damals vielleicht ambitionierteste Jugendprogramm in ganz Europa durch, arbeiteten täglich an der Ausbildung unserer Trainer, Langzeitplanung und an der Sichtung junger Talente. Wir wollten Gold für Dänemark gewinnen und dafür mussten viele Strukturen grundlegend verändert werden.  Dabei stand die Jugendarbeit klar im Vordergrund und als wir von einem extrem talentierten 12-jährigen Linkshänder im Club KVIK Naestved hörten, war dies der perfekte Zeitpunkt für alle Beteiligten.

Schönheitsfehler — extremes Temperament

Das einzige Problem an diesem talentierten Jungen, an das ich mich erinnern kann, war sein extremes Temperament. Es passierte anfangs häufig, dass teures Material durch die Halle geworfen wurde und Absperrungen den einen oder anderen Tritt hinnehmen mussten, wenn es nicht gut lief.

Und auch wenn Funktionäre eine Suspendierung forderten, so glaubten wir weiterhin an Beratung und Lehre und waren uns bewusst, dass man vorsichtig sein musste, um diesen Youngster erfolgreich zu betreuen. Der Wille zum Sieg und der flammende Blick in seinen Augen zwangen uns zu einer intensiven individuellen Ansprache am Tisch. Vielen von uns war sofort klar, dass dieser Spieler der große Wurf für das dänische Tischtennis bedeuten könnte und, mehr noch,  genau der potentielle Star, den das Welttischtennis zu dieser Zeit dringend brauchte.

Brillante Momente — desolate Vorstellungen

Die üblichen Stationen auf diesem Weg wie nationale Erfolge und achtbare international Ergebnisse ließen auch nicht lange auf sich warten. Michael Maze war eine große Hoffnung, erforderte andererseits auch eine ständige Betreuung. Niemand verstand dies besser als mein Nachfolger als Nationaltrainer, der clevere Schwede Peter Sartz. Der Rest ist bekannte Geschichte. Tischtennisfans haben den dänischen Linkshänder über die letzten 12 Jahre aufsteigen, taumeln und fallen sehen, haben mehrere Comebacks gefeiert, Mazes brillante Momente genossen und bei seinen desolaten Vorstellungen den Kopf geschüttelt.

Viele dieser inkonstanten Auftritte sind seinen Verletzungen geschuldet – schwere Probleme mit beiden Kniegelenken, der Hüfte und der unteren Rückenmuskulatur. In den letzten vier Jahren hat Michael Maze gerade einmal 24 internationale Matches bestritten, ein weiterer Grund für seinen Absturz in der Weltrangliste – um 20 Plätze.

 

2013 — Wiedersehen in Michaels privatem Trainingszenter

Maze_picUnd hier treffen wir uns also wieder, 2013, fast auf den Tag 20 Jahre nach unserer ersten Begegnung um gemeinsam einen Tag mit Tischtennis zu verbringen, dem Sport, der uns all die Jahre hindurch begleitet hat. Michael verbrachte seine Trainingszeit in Schweden mit dem talentierten 13-jährigen Amerikaner Kanak Jha, versprach aber mich in dem verschlafenen Dorf Hoebaek, südlich von Kopenhagen herumzuführen, dem Ort, an dem er seit Monaten sein privates Trainingszentrum mit vier Tischen unterhält, nicht ohne Zufall in der Nähe der Praxis seines  Physiotherapeuten und Konditionstrainers Tomas Macon.

Um den Kern seiner Geschichte verstehen zu können, müssen wir uns in die Zeit um die Olympischen Spiele in London 2012 zurückbegeben. Michael bestand auf einer Teilnahme an den Spielen, trotz seiner durch Verletzung völlig unzulänglichen Vorbereitung und physischen Verfassung. Mit einer für ihn durchaus vorteilhaften Auslosung im Rücken, einer „alles oder nichts“-Einstellung und unorthodoxen aggressiven Spielweise gewann er seine Partien gegen Kalinikos Kreanga und Jun Mizutani mit Leichtigkeit und traf im Viertelfinale auf seinen besten Freund – Dimitrij Ovtcharov.

„Mein Körper war dabei aufzugeben — OP oder weitere Behandlung?“

„Die ganze Vorbereitung im Sommer war eine einzige Katastrophe. Mein Körper konnte keine Form von Belastung vertragen. Ich spielte eine intensive Trainingseinheit und musste danach zwei Tage aussetzen“ erklärte Maze. „In London gab ich natürlich alles, spielte am Limit, aber mein Körper war dabei aufzugeben. Ich nahm von morgens bis abends starke Schmerzmittel und verbrachte den ganzen Tag vor dem Match gegen Dima im Bett. Ich bat um eine Spritze gegen die Schmerzen, aber der dänische Arzt verweigerte aus Angst, zu viel zu experimentieren.“

Wir bewegen uns jetzt auf den Punkt ohne Wiederkehr zu, Dezember 2012. Die Wahl: Operation oder weitere Behandlungen. Soren Wenige, der Chefarzt der Dänen, gab seine Zustimmung aber auch ein hässliches Ultimatum: Operation an beiden Hüftgelenken oder eine Hüftprothese und damit das Karriereende.

„Die Ärzte waren geschockt, als sie die Hüfte öffneten. Überall waren lose Knochenfragmente und ich hatte kaum noch verbleibende Funktion der Gelenke. Es schien, dass alle früheren Verletzungen mit dem katastrophalen Zustand meiner Hüfte zusammenhingen. Die Knochensäge wurde angesetzt um meinen Gelenken und dem umliegenden Gewebe wieder Platz zur Bewegung zu ermöglichen.“

Ein schrecklicher Satz. Beide Hüftgelenke wurden im Abstand von 8 Wochen operiert und der Däne auf einen rigorosen Regenerationsplan gesetzt.

„Laufen, Ruhen, Schlafen, Physio — kein Tischtennis“

Für Michael Maze war das Risiko hoch, sein Leben als Berufsathlet stand auf dem Spiel, nicht mehr und nicht weniger. Der Rehaplan war hart. 24 Stunden durchgeplant, laufen, ruhen, schlafen und Physiotherapie. In den ersten 6 Monaten 2013 stand Tischtennis überhaupt nicht auf der Karte.

„Das schwierigste für mich war diese totale Hilflosigkeit. Anfangs konnte ich ohne Hilfestellung nicht mal auf die Toilette oder unter die Dusche. Nachts musste ich mein Bein hochhalten und es mit Hilfe einer Maschine ständig in Bewegung halten, um die Bewegungsfähigkeit überhaupt zu behalten.“

Ähnliche Anweisung der Ärzte beim Laufen und Ruhen.

„Was sollte ich tun? Die Ärzte haben mir verboten am Tag mehr als 200m zu gehen – strikte und strenge Anweisung ohne Ausnahme. Es ist interessant, wie das Gehirn in so einer Situation reagiert. Tischtennis habe ich komplett aus meinen Gedanken verbannt, ich hatte sogar Angst vom Tischtennis zu träumen. Das alles geschah aus der Angst heraus, ich könnte es nicht mehr zurück schaffen. Ich wollte nicht, dass meine Karriere auf diese Weise endet. Aus dem einfachen Gedanken heraus „Ich will zurück!“ nahm ich in dieser Zeit meine ganze Stärke.“

Die Bewegungsfähigkeit kam langsam zurück und nach einer langen, schmerzlichen Rehabilitierung begann der sonnige dänische Sommer 2013.

„Zu dieser Zeit hatte ich mehr oder weniger wieder normale Beweglichkeit in der Hüfte. Laut Anweisung durfte ich noch nicht normal trainieren, ich arbeitete dennoch täglich mit meinem fitness coach, um zumindest wieder etwas Stärke aufzubauen. In der Zeit nach der Operation hatte ich fast meine komplette Muskulatur eingebüßt und es fiel mir so schwer zu warten. Wir mussten dennoch geduldig bleiben und zwingen, kleine Schritte zu machen.“ Sagte Michael.

An einem Augusttag 2013 kam schließlich die Wende zum Guten

„Tomas, mein Trainer und Therapeut, sammelte Daten zu meinen Rehabilitationsfortschritten. Es sah soweit alles gut aus, und trotz der Warnung der Ärzte lagen wir sogar noch vor dem Regenerationsplan. Also beschlossen wir eines Tages „Wir gehen joggen.“ Ich kann mich noch genau daran erinnern, dass dieser Tag für mich der Wendepunkt war. 500m in eine Richtung, kurze Pause und 500m zurück. Ich konnte zum ersten Mal Licht am Ende des Tunnels sehen, für mich jedenfalls fühlte es sich nach Hoffnung an.“

… und endlich wieder Tischtennis

Tischtennistraining stand bald wieder auf dem Programm, leichte Übungen mit ausgewählten Trainingspartnern, meist in Hoelbaek in einer Sporthalle, wo Maze 24h exklusiven Zugang zu insgesamt 4 Tischen hatte. Die perfekte Lage, weit weg von der hektischen Stadt und nahe am Studio von Tomas Marcon, mit dem Maze nach konzentrierten Tischtennis-Sessions noch unter Aufsicht an seiner Fitness arbeitete.   

„Dieses Arrangement ist perfekt für mich. Ich lade verschiedene Spieler ein um mit mir hier zu trainieren und das Angebot wird gerne genutzt. Vor den Russia Open war Alexander Shibaev bei mir um sich vorzubereiten. Er erreichte das Finale und kam danach noch öfter zum Trainieren nach Dänemark. Komisch, wie solche Dinge manchmal laufen.“

Maze_pic2Die beiden Spieler, mit denen ich heute zusammenkomme trennen 20 Jahre. Michael Maze und Kanak Jha sind dennoch unzertrennlich in ihrer Entschlossenheit. Ihre grundlegende Verbindung sieht man beiden sofort an – beide haben den Willen mehr zu sein als nur ein durchschnittlicher Athlet.

Kanak Jha, das Supertalent aus den USA macht keine schlechte Figur in den Übungen gegen den Lehrer Mr. Maze, der ihm Lob ausspricht: „Sehr gut! Guter Rhythmuswechsel beim Block.“ Zwei Stunden Tischtennis fliegen vorbei und als Nächstes steht Fitnesstraining im Studio von Tomas Marcon auf dem Programm.

Beide Spieler werden durch das Fitnessprogramm begleitet und auch hier schneidet Jha gut ab. „Man sieht nicht häufig einen 13-jährigen, der das Leistungsvermögen dieses jungen Talents hat.“ loben beide Dänen den jungen Amerikaner.

Für Maze ist jedes Training ein weiterer Schritt zu alter Form und Stärke. Jeder seiner Schritte wird minutiös protokolliert um den Fortschritt festzuhalten.

„Man will natürlich nicht zu optimistisch sein. Aber ich muss sagen, dass es sich im Moment gut anfühlt. Ich kann soweit wieder normal trainieren. Mein Ziel ist beim DHS Europe Cup in Lausanne (Februar) wieder in den Wettkampf einzusteigen.“

Tomas Marcon ist dabei vorsichtig optimistisch in seiner Prognose und zeigt auf seinen Laptop:

„Hier wird alles aufgezeichnet. Bei solch schweren Verletzungen ist eine Prognose immer schwierig, aber im Moment sieht es gut aus. Sogar besser, als ich es für diesen Zeitpunkt vorausgesagt hatte.“

Nach diesem Trainingstag lade ich Michael Maze zum Abendessen ein um dem Tag einen passenden Abschluss zu geben. „Lass uns nach Dagoer fahren“ sagt Maze „Da gibt es gute Adressen.“

Endlich wieder über Zukunft reden

Nach fünf Minuten Fahrt sitzen wir in einem kleinen, ruhigen Restaurant am Meer. Um diese Jahreszeit sind nicht viele Menschen hier aber das Lokal ist wunderschön und irgendwie typisch dänisch. Beim Essen philosophieren wir über den Sport, der seit vielen Jahren so eine große Rolle in unseren Leben spielt. Wir wenden uns der Zukunft zu und reden über die Situation im dänischen Tischtennis. Peter Sartz bekam nach 19 Jahren im Amt des Nationaltrainers sein Entlassungsschreiben in die Hand gedrückt mit den Worten. „Du bist nicht länger Teil der Zukunft des dänischen Tischtennis“

„Natürlich ist das keine Art, so mit dem einzigen Coach umzugehen, den ich je hatte.“ Sagt Maze „Ist es nicht seltsam, dass keiner der Funktionäre im dänischen Tischtennisbund nach meiner Meinung dazu gefragt hat? Alles begann mit der Entlassung des Assistenztrainers Hu Wei Xin, mit dem ich immer noch auf individueller Basis arbeite. So wie es jetzt aussieht, muss ich mich auf meine eigene Situation konzentrieren und das Beste daraus machen. Es wäre sehr schlecht für das Tischtennis in Dänemark, wenn wir jetzt auch das Trainingszentrum in Brondy verlieren, wonach es zurzeit aussieht. Es sieht wirklich nicht gut aus für das dänische Tischtennis.“

Nach dem Essen wird es langsam dunkel und wir bereiten uns für die Fahrt nach Norden vor, zurück ins schwedische Halmstadt. Es war schön Michael Maze wieder zu sehen und die Gewissheit zu haben, dass er noch immer diese Entschlossenheit besitzt, zu internationalem Erfolg zurückzukehren.

„Natürlich muss ich am Anfang noch kleine Schritte machen und ich bin noch in keiner Position mir langfristig Ziele zu setzen. Ich will im Moment gar nicht an die großen Olympischen Spiele oder Weltmeisterschaften denken, sonst werde ich wohlmöglich nur wieder enttäuscht. Was mich antreibt ist, dass ich über die Jahre immer wieder gezeigt habe, dass ich Tischtennis auf einem sehr hohen Niveau spielen kann, wenn mein Körper durchhält. Solche Phasen hatte ich 2003 – 2006 und als ich die Europameisterschaft in Stuttgart gewann, 2009.“ Und dann der wichtigste Satz:

„Ich will einfach wieder Spaß am Spiel haben.“

Darauf werden wir hoffen. Wir haben hier einen außergewöhnlichen Athleten, der lange Zeit im tiefen Becken schwamm und nicht wusste, was unter ihm auf ihn zukommt. Er bekam keinen Fuß auf den Boden, seine Karriere war fort und das Leben, wie er es kannte änderte sich schlagartig, plötzlich war er nicht mehr Star.

Es hätte vieles schiefgehen können, ohne Frage. Ich würde sagen Michael Maze hat es jetzt verdient seine Füße wieder auf den Boden zu kriegen und  durchzuatmen. Und warum sollte er es nicht noch einmal wagen? Denn am Ende ist das genau der Effekt, den Wille und Entschlossenheit haben, weiterzumachen, auch wenn der Himmel über einem zusammenbricht.

2014 — Michael vor dem DHS Europe Cup

 

2014 — Michael auf dem DHS Europe Cup

 

Über den Autor

Seb

Sebastian begann mit dem Tischtennissport mit 11 Jahren und schaffte es bis in die 5. deutsche Liga. Aktiv im Profisport ist er dennoch: Seit 2011 arbeitet Sebastian als TV-Kommentator für die ITTF und berichtet Live von den großen internationalen Turnieren. Seit 2014 ist er Teil des Butterfly-Teams und arbeitet im Export und Marketing als Übersetzer und Lektor.

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Ein Kommentar

  1. René

    Sehr interessanter und gut geschriebener Artikel. Danke für diese intimen Einblicke in den langen Leidensweg dieses besonderen Ausnahme-TT-Spielers. Hoffen wir, daß er noch einige Jahre an der Platte bleiben kann.