Zhang with Gold MedalNach der Goldmedaille bei den Einzelweltmeisterschaften 2011 in Rotterdam, einer weiteren 2012 bei der Olympiade in London scherzten viele bei den Einzelweltmeisterschaften 2013 in Paris, der Platz ganz oben auf dem Treppchen sei bereits reserviert — für ZHANG Jike.

Sie sollten Recht behalten.

 

 

Worin liegt das Erfolgsgeheimnis des momentan vielleicht stärksten Spielers der Welt?

Zhang Jike high blue

Foto: Manabu Nakagawa

Das kann wohl niemand besser beantworten als der heute 26-jährige Buttterfly-Spieler selbst. Deshalb haben wir ihn Ende letzten Jahres eingeladen, uns im Butterfly Headquarter zu besuchen, um dieser Frage auf den Grund zu gehen. Wir danken Zhang Jike sehr dafür, dass er der Einladung gefolgt ist! Herausgekommen sind  wissenswerte Analysen und tolle Technikstudien.

Wir sind zu dem Schluss gekommen, dass es weder die perfekte Beherrschung neuer Schlagtechniken wie sein typischer Banana-Flip über dem Tisch oder seine gefährlichen Aufschlagvarianten sind — noch dass es reine Zauberei ist.

Zusammenfassend zieht Zhang Jike seine Überlegenheit im Kern wohl aus der Kombination eines Gesamtrepertoires perfektionierter Grundschläge sowie höchster Explosivität; vor allem im körperlichen, aber auch im mentalen Sinne. Zhang Jike hat es so auf den Punkt gebracht:

„Explosivität ist die Quelle für den Effekt meiner Spielweise“

„In China spielt dieser Begriff,“ den man wohl am besten mit „Explosivität“ übersetzt, „eine sehr wichtige Rolle“, erklärt Zhang Jike. Er bezeichne die Fähigkeit eines Spielers, beim Ballkontakt ein hohes Niveau an Kraft auf den Ball zu übertragen. Um im chinesischen Tischtennis-Spitzensport weiterzukommen, sei es wichtig, die Fähigkeit zur Explosivität von Trainern attestiert zu bekommen.

„Ich glaube, dass die Fähigkeit, Explosivität auf den Ball zu übertragen, tatsächlich ein wesentlicher Grund für mein Spielniveau ist und mich besonders macht.“

Auch der kontinuierlichen Perfektionierung der Grundschläge wird in China große Bedeutung für die erfolgreiche Weiterentwicklung eines Spielers beigemessen. Eine Feststellung, die Zhang Jike teilt:

„Es ist wichtig beim Training darauf zu achten, seine Grundschläge nicht nur irgendwie zu trainieren, sondern alle Elemente im Detail und in der Abfolge ganz korrekt auszuführen, zu perfektionieren und zu verinnerlichen. Wenn man hierbei keine Kompromisse und es zum ständigen Betstandteil des Trainings macht, spürt man den Effekt im Spiel.“

Betrachten wir also einmal vier von Zhang Jikes wichtigsten Grundschlägen genauer.

 

„Meine Grundschläge: Vorhand-Topspin gegen lange Bälle“

Als erstes Beispiel stellen wir hier zunächst den Vorhand-Topspin gegen lange Bälle vor.

„Um ein Optimum an Kraft auf den Ball zu übertragen, hole ich relativ weit aus.  Dabei drehen sich auch Oberkörper und Hüfte leicht mit. Ich lege das Gewicht aufs rechte Bein und strecke den Unterarm etwas weiter aus.“

Neben anderen Dingen wie Körperspannung, -haltung und Stellung zum Ball (siehe Bildfolge) sei dies die Basis, aus welcher der Schlag seine Kraft schöpfe.

„Beim Schlag katapultiere ich Hüfte, Oberkörper und Schlagarm um eine schnelle Körperdrehung schräg nach links oben. Dabei verlagere ich das Gewicht vom rechten auf das linke Bein und versuche, den Ball beim Kontakt an seiner oberen Seite bestreichen.“

Die folgende Bildreihe soll den Ablauf veranschaulichen — zur optimalen Ansicht einfach auf das erste Bild klicken…

Die Stellung des Ellenbogens

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Foto: Manabu Nakagawa

Ein wichtiges Detail sei der Winkel des Ellenbogens. Es gelte, dem Unterarm zwar ruhig einen etwas größeren Winkel zu geben — den Ellenbogen dabei jedoch nahe am Körper zu halten und den Arm nicht zu weit auszustrecken, fügt Zhang Jike hinzu.

Bei diesem Armwinkel gehe am wenigsten Kraft aus der gesamten Ausholbewegung verloren.

Wie man an der folgenden Bildreihe ebenfalls sieht, vollziehen zu demselben Zweck auch der Unterarm und das Handgelenk die Bewegung mit.

Zur optimalen Ansicht auf das erste Bild klicken…

Auf diese Weise übertrage sich die während der Ausholbewegung angesammelte Kraft optimal auf den Ball und gebe ihm, optimal gespielt, Härte und Rotation.

„Mir kommt es weniger darauf an, dem Ball Hochgesschwindigkeit als ihm Druck und Rotation zu geben.“

Dies sei natürlich nicht die einzig mögliche Technik eines Vorhand-Topspins, weiß Zhang Jike. Viele Topspieler führten ihn im Detail anders aus.

„Nicht selten war diese Technik Gegenstand von Gesprächen mit meinen Trainern. Wir überlegten, die gesamte Schlagbewegung kompakter, weniger ausladend, auszuführen. Aber letztendlich ist der VH-Topspin auf diese Art auch ein Tribut an meine ganz eigene Spielweise, die stets einen gewissen Abstand vom Tisch fordert und von mehrmaligen Topspins hintereinander lebt.“

 

„Meine Grundschläge: Vorhand-Topspin gegen Unterschnitt“

DMA-d-8_FHbeforeBodyTypisch für  Zhang Jike ist auch sein rotationsstarker, druckvoller Vorhand-Topspin gegen unterschnittene Bälle. Auch hier hat die Gesamtheit der Schlagausführung dasselbe Ziel — Explosivität zu erzeugen und auf den Ball zu übertragen.

„Ich gehe mit beiden Beinen, noch etwas stärker mit dem rechten, in die Knie und hole mit dem Arm und Handgelenk so tief nach unten aus, dass die Spitze meines Schlägers gewissermaßen auf den Boden zeigt.“

Die Explosivität resultiere dann nicht allein aus der Bewegung des Schlagarmes, sondern aus der ganzheitlichen Bewegung von unten nach (links) oben — aus Beinen, Schlagarm, der Drehung des Oberkörpers sowie der aus dem Unterarm und dem Handgelenk.

„Wie bei fast allen Schlägen gehört auch hier eines mit zum A und O  —  die Bewegung stets unter guter Körperspannung auszuführen“

Dies stellt natürlich hohe Ansprüche an die Durchtrainiertheit der Bein-, Po- und Bauchmuskulatur, der nur die wenigsten Nicht-Vollprofis mit einer Disziplin nachgehen wie Zhang Jike oder auch andere Profis.

 

Typisch Zhang Jike: den Ball nicht neben, sondern vor dem Körper treffen

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Foto: Manabu Nakagawa

Im Unterschied dazu wie die meisten diesen Topspin ausführen, trifft Zhang Jike den Ball — unterstützt durch die Bewegung aus Oberschenkeln und Körperdrehung — nicht erst neben, sondern schon vor dem Körper und reisst ihn kraftvoll an (siehe nächste Bildfolge).

„Damit bezwecke ich, für den Topspin nicht zu nah an den Tisch zu müssen. Denn nur dann kann ich auch den Rückschlag in meiner idealen Grundstellung erwarten und ihm voll offensiv begegnen — sprich, ich kann direkt nachziehen.“

Um den Vorhand-Topspin gegen Unterschnitt optimal zu studieren, einfach auf das erste Bild klicken…

 

„Meine Grundschläge: Rückhand-Topspin gegen lange Bälle“

Richten wir nun einmal unseren Blick auf Zhang Jikes Rückhandtechniken. Beginnen wir mit dem Rückhand-Topspin gegen lange Bälle.

Die Ausführung des komplexen Schlages erfolgt nach gleichem Prinzip — als eine kompakte Bewegung mit ausgefeilter Technik, bei der dem Einsatz des Handgelenks  besondere Bedeutung zufällt. Worauf es Zhang Jike ankommt:

„Diesen Rückhand-Topspin führe ich nach vorne gebeugt und mit stark geschlossenem Schlägerblatt aus.“

„Im Unterschied zur Vorhand  ist bei der Rückhand der zur Verfügung stehende Platz für den Schlag sehr beschränkt. Deshalb will die Schlagbewegung kompakt ausgeführt werden.“

Die Ausholbewegung

Beim Rüchand-Topspin gegen lange  Bälle nimmt Zhang Jike den Ellenbogen nach vorne und bringt den Schläger vor seinem Körper in Stellung. Dabei ist er darauf bedacht, das Schlägerblatt so geschlossen wie möglich zu halten.

DMA-g-4_Zhang_BH-LongBallsUnd noch zwei weitere Anforderungen, auf die wir unser Augenmerk bei dieser äußerst kompakten Schlagtechnik richten sollten:

  • der vorgeschobene Ellenbogen
  • das einwärts gedrehte Handgelenk

Tatsächlich fällt bei Zhang Jikes Technik auf, wie stark er das Handgelenk bei der Ausholbewegung nach innen dreht, sodass die Schlägerspitze fast gerade auf den Bauch zeigt.

So sehr sich die Performance des Balles durch diese Ausholbewegung auch steigern lässt, so sehr ist sie für ungeübtere Spieler mit geringem Trainingsvolumen natürlich auch eine Fehlerquelle — einmal mehr macht hier nur sehr viel Übung den Meister.

 

Der Schlag

Mit dem Ballkontakt gelingt es Zhang Jike dann, dem Ball enormen Effet und Kraft zu geben —ihn dominant zu machen. Diesen Rückhand-Topspins offensiv zu begegnen fällt vielen Gegnern schwer. Genau das ist die Absicht.

Zhang Jike erklärt, worauf er sich besonders konzentriert:

„Mit dem fast geschlossenen Schlägerblatt stelle ich sicher, beim Schlag nicht vor den Ball zu treffen, sondern über den Ball zu streichen. Das bringt Spin, eine flache Flugkurve und übt am meisten Druck aus.“

„Der vorgebeugte Oberkörper hilft zusätzlich, dass der Ball die richtige Schlagrichtung erhält, flach bleibt und nach vorne geht, was bei Rückhand-Topspins gegen offensive Bälle die besondere Herausforderung ist.“

„Ich versuche, den Ball noch in seiner Aufwärtsbewegung zu treffen, bevor er seinen Zenith erreicht hat.“

„Es gilt, den Ellenbogen zum Drehpunkt der Bewegung zu machen und sie durch Handgelenk und Unterarm zu unterstützten. Wenn der Ellenbogen beim Schlag nicht stabil steht, sich zu stark mitbewegt, kommt der Winkel der Schlägerhaltung und auch die Schlagrichtung durcheinander — und der Schlag wird instabil.“

Die folgende Bildreihe soll diese komplexe Schlagtechnik illustrieren — einfach auf das erste Bild klicken…

 

 „Meine Grundschläge: Rückhand-Topspin gegen Unterschnitt“

Als letzte Technikstudie zu Zhang Jikes Grundschlägen stellen wir den Rückhand Topspin gegen Unterschnitt vor.

Auch gegen unterschnittene Bälle hält es Zhang Jike für unentbehrlich, nicht unbedingt auf eine Chance zur Offensive durch durch Vorhand-Topspin warten zu müssen, sondern auch durch Rückhand-Topspins mit gleicher Intensität und Wirkung angreifen zu können.

„Beim Rückhand-Topspin gegen Unterschnitt ist es nicht im selben Masse wie beim Vorhand-Topspin möglich, die Schlagbewegung durch die Drehung des Oberkörpers zu unterstützen. Um das auszugleichen ist es wichtig, bei der Ausführung des Schlages die Bauchmuskulatur anzuspannen. Zumal dadurch auch der vorgebeugte Oberkörper stabileren Halt bekommt.

„Ich versuche immer, den Ball mit stark geschlossenem Schlägerblatt an seinem oberen Ende zu treffen.“

Die folgende Bildreihe zeigt nochmal worauf es dabei ankommt – und veranschaulicht die Unterschiede zur Technik des RH-Topspins gegen lange Bälle.

Zur Vergrößerung und zur Galerie-Ansicht einfach auf das erste Bild klicken.

Was vom Tage (mit Zhang Jike) übrig blieb…

Über diese Grundschläge hinaus kamen wir mit Zhang Jike noch einigen Erkenntnissen und Technik-Details auf die Spur, die wir von ihm lernen können und die Beachtung verdienen, weil sie fraglos Einfluss auf die perfekte Ausführung von Schlagtechniken haben.

Blickrichtung & Blickwinkel

Um das richtige Augenmaß zu behalten, verändert Zhang Jike bei der Ausführung des Schlages die Blickrictung und die Höhe seines Blickwinkels kaum.

Das Spiel der freien Hand

Zhang JIke_Backhand TopspinAuch anhand der folgenden Fotoreihe sehen wir die bewusste Haltung von Zhang Jikes freier Hand: Er hält sie in etwa stets auf  Flughöhe des Balles und zeigt auf den Ball — die Haltung des Armes und der Hand verändert er ansonten aber kaum, lässt ihn fast unbewegt.

„Das hilft mir dabei, den Körper beim Schlag im Gleichgewicht zu halten. Durch bewusstes Training habe ich es verinnerlicht, dass mein freier Arm die Schlagbewegung nicht mitvollzieht.“

Übersetzung aus dem Japanischen und redaktionelle Bearbeitung von Frank Völler.

 

 

 

 

 

 

Über den Autor

Manabu

Manabu Nakagawa ist Redakteur und Herausgeber des „Table Tennis Report”. Das japanische Magazin wurde von Hikosuke Tamasu (dem Gründer von Tamasu Co.) gegründet. Manabu begleitet das beliebte Magazin mit 60 jähriger Tradition seit 25 Jahren und bereist viele Länder, um von hochkarätigen Turnieren wie den olympischen Spielen oder der Weltmeisterschaft zu berichten. Dabei übernimmt er vielseitige Aufgaben, kümmert sich um Reportagen, Fotos und Interviews mit den Topspielern, zu denen er ein freundschaftliches Verhältnis pflegt.

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