Kennt ihr das? Man trainiert wie ein Weltmeister, ist körperlich fit wie ein Turnschuh, alle Schlagtechniken gelingen am Trainingstisch genauso sicher wie im Schlaf. Aber wenn aus Trainings-Spaß dann Wettkampf-Ernst wird, spielen Herz & Hirn plötzlich mit. Andere Akkustik, andere Visualität, andere Kommunikation, anderer Druck. Schwupps, ist die Sicherheit und Konzentration wie verflogen, Spiele werden vergeigt — und wir fühlen uns mal wieder Lichtjahre von unserem Traum entfernt. Willkommen in den Psychofallen!

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Dr. Prof. Yoji Yoshizawa

Dr. Prof. Yoji YOSHIZAWA von der Universität Nagoya ist Experte und Leiter der sportmedizinischen und -psychologischen Abteilung der JTTA. Zur Vorbereitung der japanischen Nationalkader auf Olympiaden und Weltmeisterschaften analysiert er schon seit Jahren die Gesamtheit der Faktoren, die zu mentaler Instabilität im Wettkampf führen können.

In dieser Kolumne nehmen wir seine Themen und Erkenntnisse als Aufschläge zu einer breiteren Diskussion und ergänzen sie um weitere Aspekte und Wege aus der Falle. Wie sind eure Erfahrungen? Findet ihr euch in den Fallen wieder? Teilt ihr die Lösungen? Wir freuen uns auf Eure Kommentare.

 

Mentale Blockaden — ernste Gefahr für die ganze sportliche Karriere?

Wir fragten Richard Prause, Headcoach der Werner Schlager Academy: Kann das Erkennen und der richtige Umgang mit mentalen Blockaden und psychischer Labilität darüber entscheiden, ob wir unsere spielerischen Potenziale jemals kontinuierlich entfalten und in Erfolge umsetzen können? Wie wichtig ist das Thema in deiner Praxis?

Richard Prause

Richard Prause

„Das Thema hat für mich im Coaching-Alltag zwar nicht oberste Priorität, aber es hat in jedem Fall seine Berechtigung und ist stets ein Bestandteil des Coachings. Im Profi-Bereich sind eine psychologische Führung und Mentalisierungstraining eine Selbstverständlichkeit. Oft kooperieren wir auch mit Sportpsychologen zu diesem Zweck. Wir können dadurch einiges bewegen und Spieler vor wichtigen Turnieren mental stabilisieren.

Im Positiven kann eine ideale mentale Einstellung durchaus die Ursache für so manche Ausnahmeleistung und Überraschung sein. Auch Top-Profis sind nur Menschen und erleben deshalb genauso Tage oder ganze Phasen, in denen sie schlechter drauf sind. In solchen Phasen kann eine gute psychologische Betreuung aufbauen. Dass ein Top-Profi jedoch aufgrund mentaler Blockaden durchgängig nicht auf Höhe seiner Möglichkeiten spielt, ist bei professioneller Betreuung  selten der Fall.“

Dies kann sich Prause eher für den Amateur-Bereich vorstellen. Hier wird es ungleich mehr hochambitionierte Spieler und SpielerInnen geben, die die mentale Ursache einer schwachen Performance noch gar nicht erkannt oder nicht wahrhaben wollen und deshalb viel öfter als nötig unter ihren Möglichkeiten spielen.

„Ruhe im Saal!!!“

Foto by Robert Valai

Foto by Robert Valai

Im Training fällt uns die heimische Atmosphäre oder Geräuschkulisse gar nicht auf. Zumindest hemmt sie uns kaum. Auf Turnieren oder in der Meisterschaft aber ist alles anders. Hört sich anders an, fühlt sich anders an. Manchen macht das nichts aus. Andere aber gehen oft in die Falle und schenken der Atmosphäre und Geräuschkulisse mehr Konzentration als ihrem Spiel. Denn die Stimmen sind ungewohnt. Die Zuschauer freuen sich anders. Das Auftippen der Bälle auf dem Boden klingt fremd. Ein Baby schreit. Im Rücken quatscht jemand. Ein gegnerischer Coach oder Mitspieler an der Bande hat eine nervige Attitüde, eine Lampe in der Halle flackert…

Wie schafft man es, sich davon nicht aus dem Konzept bringen zu lassen?

 

Sich Heimvorteile bewusst machen

Alles beginnt damit, diesen Faktor als selbstverständlichen Teil der gesamten sportlichen Herausforderung zu akzeptieren. Zusätzlich zu Technik, Spielweise, Physis, Kondition, etc.

Nach Professor Yoshizawa sollte man sich deshalb zunächst einmal mit allen Sinnen seiner „Heimvorteile“ bewusst werden, sprich der besonderen Geräuschkulisse und Atmosphäre seiner „heimischen“ Spielorte. Dort wo unsere Konzentrationsfähigkeit nicht gefährdet oder sogar optimal ist. Denn diesen Orten haben wir uns mit unserer ganzen Individualität angepasst — und sie sich uns.

„Warum und was genau ist hier optimal, warum sind wir hier voll konzentriert? Je besser wir uns die Heimvorteile bewusst machen, desto mehr schärfen wir unsere Sensibilität fürs Fremde – und helfen uns damit, Störfaktoren zu erkennen, sie als besondere Gegebenheit zu akzeptieren und damit umzugehen.“

 

Auswärts früh genug aufschlagen, um sich zu assimilieren

Foto by ITTF

Foto by ITTF

Auch Richard Prause kennt diese Problematik. Er empfiehlt, ob nun auf Meisterschaftsspielen oder auf Turnieren, früh genug am Veranstaltungsort aufzuschlagen. In der Regel mindestens zwei Stunden. Damit nicht nur genug Zeit zum Einspielen bleibt, sondern auch um Fremdes zu erkennen und darauf vorbereitet zu sein. Stellen störende Faktoren erst einmal keine Überraschung mehr dar, bringen sie uns auch nicht mehr aus dem Konzept, so der frühere Bundestrainer.

Einfach frühzeitig da zu sein, reiche allerdings nicht. Man müsse die neue Umgebung wachen Auges und Ohres auf potenzielle Störfaktoren hin erkunden. Ob beim Einspielen oder auch bei Rundgängen.

„Was könnte alles passieren? Im Laufe der Zeit entsteht eine Checkliste im Kopf. Türen gehen in kleinen Hallen mal lauter auf als in großen; Zuschauer, die auf die Toilette gehen, können dann ablenken. Wo sind eigentlich die Toiletten, falls ich selbst kurz vor dem Spiel austreten muss? Wo die Schlägerkontrollen? Wer sind die Schiedsrichter, kenne ich sie? Gibt es an den Tischen, je nach Seite, unterschiedliche Lichtverhältnisse? Wie verhält sich das Publikum? U.v.m.“

Je mehr mögliche Abnormitäten man einmal antizipiert und zu denen man eine Einstellung gefunden hat, desto geringer die Wahrscheinlichkeit, dass sie uns von unserem Spiel ablenken.

 

Im Schatten der Publikumsgunst

Foto by ITTF

Foto by ITTF

Gegen Aufmerksamkeit und frenetischen Beifall haben die meisten nichts. Aber was, wenn die Aufmerksamkeit gar nicht dem eigenen Spiel, sondern dem Geschehen in der Nachbarbox gilt? Unweigerlich schenken oft auch Spieler selbst dem Match am Nachbartisch einen Teil ihrer Aufmerksamkeit – und klauen sie ihrem eigenen. Plötzlich ertappen wir uns dabei, weniger auf den Aufschlag unseres Gegners zu warten – als auf den nächsten Beifallssturm für die Nachbarbox. Und wenn sich dann auch noch unsere Team- oder Vereinskollegen auf der Bank bzw. im Publikum dem allgemeinen Trend anschließen und unserem Spiel ihre Aufmerksamkeit entziehen, ist das mentale Problem perfekt.

Besonders jüngere SpielerInnen demotiviert diese Situation manchmal. Ein ganzes Spiel kann dadurch kippen. Kämpfte man gerade noch mutig und gekonnt, beflügelt von den Blicken der Teamkameraden und des Publikums, fühlt man sich plötzlich wie verlassen. Die Gedanken drehen sich nicht mehr allein um besprochene Taktik, sondern auch um die Niederlage und das damit drohende Turnier-Aus.

Wie macht man sich hiervon frei?

Foto by ITTF Gerhard Palnstorfer

Foto by ITTF Gerhard Palnstorfer

Für den Profi-Bereich schließt Richard Prause dies mehr oder weniger aus. Für ihn hat ein professioneller Coach sich selbst und den Rest der Bank so eingestellt, dass dieser Fall nicht eintreten kann. Dass das Spiel einer Nachbarbox dem eigenen die Aufmerksamkeit des Trainers oder der Teamkameraden entzieht, dürfe nicht mal passieren, wenn nebenan gerade Steffen MENGEL WANG Hao zu knacken scheint. Falls doch, müsse ein Trainer dies sofort einfordern und nach dem Spiel thematisieren. Die Spieler selbst seien — als Profis — psychologisch so geschult und „IN ihrem Spiel“, dass sie es zwar gewiss kurz registrieren, sich aber nicht weiter davon ablenken lassen. Seltene Ausnahmen bestätigten die Regel.

Im Amateurbereich, in dem beispielsweise bei Meisterschaftsspielen an zwei Tischen gleichzeitig gespielt wird, ist das etwas anderes. Hier ist dieser Fall öfter zu beobachten — in niedrigeren wie auch in höheren Amateurligen. Insbesondere, wenn Mannschaften keinen Trainer haben. Bisweilen kann man sehen, dass jemand auf der Bank die Psychofalle erkennt und die Aufmerksamkeit der Teamkameraden aktiv zurückfordert. Oft aber auch nicht. Dann ist anzuraten, diese Psychofalle auf einer Mannschaftssitzung oder beim Bierchen nach einem Spiel einmal anzusprechen, um beim nächsten Mal darauf vorbereitet zu sein und entsprechend zu reagieren.

 

Nicht vom Publikum berauschen lassen!

Foto by Alex Lomaev

Foto by Alex Lomaev

In Richard Prauses Praxis tritt viel öfter der umgekehrte Fall auf: Ein Spieler oder eine Spielerin ist gewohnt, vor einigen hundert oder zig Zuschauern zu spielen — nicht aber vor einigen Tausend. Steht das eigene Spiel dann plötzlich im Fokus des Publikumsinteresses, kommt es oft zu einer kritischen Situation: Die Woge der Publikumsgunst kann euphorisieren, SpielerInnen ihres ‚Floats’ — des Zustands optimaler Konzentration — berauben und in taktischer Hinsicht gewissermaßen das Ruder vom Trainer übernehmen.

Belohnt die Masse beispielsweise einen Zufallstreffer nach einem Ballwechsel, in dem ein Schützling der abgesprochenen Taktik zuwidergehandelt hat, fühlt er sich darin bestätigt. Getragen von der Woge der Begeisterung lassen sich Spieler dann auch weiterhin vom Publikum steuern — und kommen in den meisten Fällen schon bald aus dem Konzept.

Dies müsse man als Coach einfach antizipieren und den Schützling vor entsprechenden Turnieren in Einzelgesprächen darauf vorbereiten, die Situation zu erkennen und die mit dem Trainer erarbeitete Taktik einzuhalten.

 

Auch im Training für ungewohnte Geräuschkulissen sorgen?

Einige SpielerInnen suchen ihr mentales Heil in einer sehr rabiaten Mentalisierung: „Ist ja nur Training!“ gibt es für sie einfach nicht. Deshalb setzen sie sich auch beim Training konsequent unter eine Anspannung und einen Druck als wäre es eine reale Wettkampfsituation. Denn wenn Training wie Wettkampf gleichermaßen „business as usual“ ist, braucht man sich auch nicht jedes Mal unterschiedlichen Umfeldern neu anzupassen — so die Logik bzw. der Wunsch.

Für den WSA-Headcoach spricht einiges gegen diese mentale Technik: Zum einen sei der Spaß am Sport – und damit am Training – kein zu unterschätzender Faktor.  Des weiteren dürfe es nicht dazu kommen, dass man in Trainingsspielen aufs Ausprobieren verzichtet, nur um zu gewinnen.

 

Sich Team- & Trainingskameraden mitteilen!

Natürlich kann der ”Herz & Hirn“-Faktor nicht nur den Erfolg im Wettkampf, sondern auch den Trainingserfolg beeinträchtigen. Gerade im Amateurbereich. Laut diskutierende VereinskollegInnen auf der Bank. Oder solche, die am Nebentisch beim Einkontern den Kaffeeklatsch nachholen — oder auch den Grund für ein Scheitern bei der Fußball-WM erörtern. Am anderen Tisch verzweifelt jemand lauthals an einer Negativserie. Ein lärmendes Handy. Eine klackender Tischtennisroboter. All das kann beim Einzelnen Nerven töten.

Deshalb ist es wichtig, im Training ein Forum zu haben, in dem Spieler ihre Konzentrationsprobleme und –ursachen offen ansprechen und sie so aus der Welt schaffen können. Geschieht dies nicht von sich heraus, sollte der Coach oder Trainingsleiter diesen Austausch fördern, indem er ein regelmäßiges Forum dafür schafft. Schließlich kennt man sich — im Unterschied zu Auswärtsspielen oder Turnieren — beim Training gut genug, um miteinander zu reden und Ursachen für Konzentrationsprobleme aus der Welt zu schaffen.

Wie sind eure Erfahrungen? Erlebt ihr beim Thema „Geräuschwelt“ noch andere Störfaktoren als die hier genannten?

(Übersetzung aus dem Japanischen und redaktionelle Adaption durch Frank Völler)

Über den Autor

Frank

Vom Kindergarten bis zur Uni stand er hochambitioniert am Tisch. Heute sitzt der Werbetexter und Japanisch-Übersetzer am Tisch – und setzt sich für das Online Marketing von Butterfly mit allen Themen auseinander, die die Tischtenniswelt bewegen.

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