In den USA sagt man: “we have to take care of our own.” Mit anderen Worten vielleicht: Die Familie kommt an erster Stelle.

Ein Text von Mikael Andersson, übersetzt von Sebastian Hallen

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Die Familie, das ist in diesem Fall eine aussterbende Art im Tischtennis, die Unterstützung und Lob verdient: Die Elite coaches.

Eben jene Männer (und Frauen – da gab es schon einige), die bereit sind für ihre Spieler alles zu geben, denen kein Aufwand zu hoch ist, keine Reise zu weit. Wenn sie es müssten, würden sie die Toten wecken oder auf dem Wasser gehen. Was immer halt getan werden muss.

Bei der „World Cadet Challenge“ 2013 in Guam konnten wir einem der besten seiner Art bei der Arbeit als Leiter des Trainingslagers zusehen. Er war hochkonzentriert, aktiv und gut vorbereitet: Richard „Richie“ Prause — der ehemalige deutsche Nationaltrainer der Herren- und Damenmannschaft und jetzt Chefcoach in der österreichischen Werner Schlager Academy.

Mir ist außerdem klar geworden, dass wir seinem verstorbenen Großvater in Deutschland viel zu verdanken haben. Er war es, der „Richie“ schließlich die Entscheidung abgerungen hat, in welche Richtung seine berufliche Karriere sich entwickeln sollte.

„Die Mitglieder meiner Familie sind seit Generationen schon von Beruf Metzger gewesen. Als ich 24 Jahre alt war und professionell Tischtennis spielte, bat mich mein Großvater zu einem ernsten Gespräch in sein Haus. Er wollte mit mir über meine Zukunft reden.“

„Und, Richard, wann hörst du endlich mit diesem Ping-Pong auf und fängst an etwas Ernsthaftes im Leben zu machen?“ forderte er.

„Ich habe ein wenig nachgedacht und dann gesagt: Opa, ich will dich nicht enttäuschen, aber ich glaube ich bleibe beim Tischtennis.“

Und so ist’s gekommen. Die Metzgerei der Prauses vor Frankfurt ist inzwischen geschlossen und der „Metzgerjunge“ genießt seine berufliche Entscheidung ohne Bedauern. Und das ist gut so, denn wenn man sich mit dem 44 jährigen unterhält, spürt man förmlich diese wichtige Liebe zum Sport und dem Coaching.

„Das ist wahr, ich mag wirklich das, was ich tue.“ Erklärt Prause. „Der Wechsel vom Nationaltrainer zum meinem jetzigen Job an der WSA war für mich persönlich eine gute Entscheidung. Obwohl es nicht leicht ist die verschiedensten Aufgaben eines Trainingszentrums gleichzeitig zu händeln, genieße ich jetzt den Kontakt zu einem breiteren Spektrum an Spielern und den daraus resultierenden internationalen Umgang. Zum Beispiel bin ich im ständigen Kontakt zum iranischen Verband und Noshad Alamiyan, der besonders bei den Olympischen Spielen für Aufmerksamkeit gesorgt hatte. Dazu kommt, dass wir gerade an der WSA eine gute Trainingsgruppe mit Europas besten Spielern haben, mit denen ich jeden Tag arbeite.“

Kann es für einen Coach etwas Besseres geben, als einen Vor-Ort Einblick in die Talente der 64 jungen Spielerinnen und Spieler, wie er hier in Guam möglich ist?

„Es hat riesig Spaß gemacht, hier in Guam arbeiten zu können. Das Event ist großartig und es ist spannend zu sehen, wie die Spieler aus den Kontinenten hier zusammenfinden. Es gibt eine Fülle interessanter junger Talente, wenn ich wählen müsste würde ich sagen: Kunal Chodri aus den USA (geboren 1999) und Adriana Diaz (2000) sind sicherlich beides Spieler, die ich gerne in der WSA als Gäste trainieren sehen würde.“  prause5

Als Spieler war Richard Prause vor allem ein guter Läufer, der gefühlte 98% des Tisches mit seiner Vorhand abdeckte.  Ausgerüstet mit cleveren Aufschlagvarianten, die ihm immer die Möglichkeit zum Angriff boten, war Prause Teil der deutschen Nationalmannschaft, als Nr. 4 oder Nr. 5. Bei den wichtigen, großen Matches aber war er oft zum Zuschauen auf die Bank verbannt.

„Es war ganz einfach: Ich war jahrelang die Nr. 4 oder 5, vor mir standen Rossi (Jörg Roßkopf), Fetzner (Steffen Fetzner) und Peter Franz. Wenn ich zum Einsatz kam, dann meist gegen schwächere Mannschaften.“

Sein Wunsch Trainer zu werden zeigte sich bereits in frühen Jahren.

„Ich hatte immer den Wunsch, Spieler auch zu betreuen und ich erinnere mich gut daran, wie alles anfing: Ich bin einfach bei einem Spiel von Steffen Fetzner eingesprungen, als ich bereits aus dem Turnier ausgeschieden war und niemand auf dem Trainerstuhl saß.“

Schnell folgten weitere Gelegenheiten als Coach aktiv zu werden, ganz natürlich für Richard Prause, so, als hätte es nie anders sein können. Innerhalb von 4 Jahren, zwischen 1996 und 2000, schraubte Prause seine Aktivität als Spieler immer weiter zurück und beendete schließlich seine internationale Karriere. Er absolvierte eine Trainerausbildung beim DTTB und arbeitet zunächst als Trainer im „Helmut Hampl Land“, so nenne ich gerne den Verein in Gönnern, wo Prause anfangs als Spielertrainer (wieder an Position 4 oder 5) zum Einsatz kam und erste Erfahrung im professionellen Coaching sammelte.

Warum taucht der Name Helmut Hampl so oft im Lebenslauf vieler, sehr guter, Deutscher Spieler und Trainer als Schlüsselfigur auf? Der Superstar Timo Boll gehört sicherlich zu den Besten der „sehr guten“, aber auch der talentierte Youngster Patrick Franziska kommt aus Hampls Talentschmiede. Ich frage Richard nach seiner Meinung zur Arbeit Helmut Hampls und nach einer Erklärung für den Erfolg seiner Spieler:

„Helmut war auch mein Mentor und ich bin quasi mit seiner Betreuung und seinem Training in der Halle aufgewachsen. Er war immer einer dieser Trainer, deren Anwesenheit man förmlich spüren konnte, ein paar Augen, die immer alles und Alle im Blick hatten und einen dazu zwangen, sich nochmal extra zu konzentrieren und Vollgas zu geben.“ Erinnert sich Prause.

Ich erinnere mich außerdem daran, dass er sich immer um seine Spieler kümmerte. Auch heute noch schickt er Mails oder SMS an seine Spieler, um sie auf Spiele vorzubereiten und zu motivieren. In der Halle war er immer knallhart, aber auf der anderen Seite eben auch ein guter, unterstützender Freund außerhalb des Trainings – eine seiner absoluten Stärken.“

Bald folgte der Ruf des deutschen Tischtennisbundes an den erfolgreichen Trainer Richard Prause, zunächst als Damen- und schließlich, 2004, als Herren Bundestrainer. Nach vier Jahren erfolgreicher Arbeit mit dem deutschen Team, gekrönt sicherlich durch die Silbermedaille bei den Olympischen Spielen in Beijing 2008 und mehrfacher Auszeichnung als „Trainer des Jahres“ in Deutschland, fühlte sich Prause mehr und mehr erschöpft.

„Ich habe den Spielern mein gesamtes Wissen vermittelt und es schien mir an der Zeit, dass jemand anderes die Betreuung übernimmt.“

Im Jahre 2009 wurde „Richie“ an die Werner Schlager Academy nach Österreich berufen, als Chefcoach. Das Projekt WSA, jetzt 4 Jahre alt, war für alle Beteiligten eine immense Herausforderung. Das Leistungszentrum in Schwechat betreut ein breites Spektrum an Klienten, Richard Prause teilt diese in 3 Gruppen ein, die er wie folgt beschreibt:

„Es sieht zurzeit so aus: Wir haben einerseits die Nationalverbände, die bei uns professionelles Training und Betreuung buchen und bezahlen, zum Beispiel für konkrete internationale Events (Arabische Meisterschaften, Golf Meisterschaften etc.). Das Leistungsniveau dieser Spieler ist nicht zwangsläufig sehr hoch und wir müssen daran arbeiten, für diese Spieler eine Trainingsgruppe auf gleichem Niveau zu finden.“

Die zweite Kategorie an Spielern ist die, praktisch von selbst laufende, Gruppe europäischer Spitzenspieler. Diese Gruppe bringt der WSA nur wenig Einkommen, aber die Anzahl der Spieler wächst stetig und inzwischen nennen mehr als 40 Spieler die WSA ihren Trainingsstützpunkt. Die dritte Gruppe besteht aus jungen Nachwuchstalenten, die in der WSA für kürzere oder längere Zeiträume trainieren.

„Wir können mit Sicherheit alle Bereiche noch weiter entwickeln. Das WSA Projekt bei den Serbian Open war interessant und ich hoffe persönlich, dass sich unser Konzept weiter einspielen wird um besser an junge Spieler heranzukommen und ihnen Hilfe bei der Weiterentwicklung stellen zu können.“

Die Zirkulation der häufig wechselnden Spieler in der WSA ermöglicht den Trainern einen einmaligen Einblick in die Fortschritte des Sports, wie er in dieser Form vermutlich einzigartig ist.

Gibt es einige Beobachtungen oder konkrete Ideen zur Zukunft des Tischtennissports?

„Die WSA bemüht sich seit einiger Zeit um engere Zusammenarbeit mit dem Europäischen Tischtennisverband (ETTU).“ Sagt Prause. „Seit Jahren sitze ich in Meetings und diskutiere über den Status des europäischen Tischtennissports. Wir versuchen besonders den Zugang zu jungen Spielerinnen zu verbessern und haben dazu auch neue Trainerinnen verpflichtet (Tamara Boros, Aaijay Umamura), die den Grundstein dazu legen sollen.

Mir fällt ausserdem auf, dass immer mehr Betreuer und Trainer, die mit ihren Spielern in die WSA kommen, mehr und mehr die passive Rolle einnehmen und sich nicht aktiv am Training der Spieler beteiligen. Ich glaube jetzt mehr denn je, dass junge Spieler besonders auf die Hilfe aktiver und starker Trainerpersönlichkeiten angewiesen sind, um Fortschritte machen zu können.“

Über den Autor

Seb

Sebastian begann mit dem Tischtennissport mit 11 Jahren und schaffte es bis in die 5. deutsche Liga. Aktiv im Profisport ist er dennoch: Seit 2011 arbeitet Sebastian als TV-Kommentator für die ITTF und berichtet Live von den großen internationalen Turnieren. Seit 2014 ist er Teil des Butterfly-Teams und arbeitet im Export und Marketing als Übersetzer und Lektor.

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