Von Takahiro SATO und Manabu NAKAGAWA. Die Stärke und Vormachtstellung Chinas hat komplexe Gründe, die sich gewiss nicht auf einen einzigen Nenner bringen – schon gar nicht auf die Feststellung „Klasse durch Masse“ reduzieren lassen. Worauf dann? Um der Antwort näherzukommen, haben wir im Herbst 2013 die Gelegenheit genutzt, uns auf den 12. CHINA NATIONAL GAMES zu inspirieren und auch zu dieser Frage neue Erkenntnisse zu gewinnen. Wir sollten es nicht bereuen.

 

Was sind die CHINA NATIONAL GAMES?

Für viele chinesische SpielerInnen ist ein Titel bei den CHINA NATIONAL GAMES eine größere Herausforderung als bei einer Weltmeisterschaft oder Olympiade. Grund genug für uns, diese Spiele schon seit vielen Jahren im Auge zu behalten.

Das Turnier wurde 1959 ins Leben gerufen. Wohl nicht zuletzt aus Anlass der Weltmeisterschaften, die in dem Jahr erstmals im Nachkriegsdeutschland stattfanden, in der Westfalenhalle in Dortmund. Insgesamt 40.000 Zuschauer hatten sich diese WM nicht entgehen lassen. Zwar sollte es die erste WM werden, bei der Japan nicht den Einzeltitel gewann, wenn es vertreten war – sondern der Chinese JUNG Kuo-Tuan.

Doch sechs von sieben Goldmedaillen gingen an Japan. Klarer Fall von Handlungsbedarf.

Nach ihrer Einführung in jenem Jahr hatten die CHINA NATIONAL GAMES immer mehr an Einfluss und Wirkung gewonnen und werden seit 1993 im 4-Jahresrhythmus veranstaltet.

 

Schwieriger zu gewinnen als eine Olympiade?

Die teilnehmenden SportlerInnen qualifizieren sich zunächst über die Städte-, dann über die Provinz-Ebene. Wer die Qualifikation schafft, hat es schon ziemlich weit gebracht. Und auch durch den 4-Jahresrhythmus liegt der Vergleich zu Olympia wohl gar nicht so fern.

Worin sich die CHINA NATIONAL GAMES und Olympische Spiele jedoch sehr unterscheiden, ist die Schwierigkeit, einen Titel zu erringen. Während bei den Olympischen Spielen in London jedes Land im Einzelwettbewerb nur zwei Vertreter teilnehmen lassen konnte, haben in China nach der Qualifikation noch 30 Spieler die Chance auf den Titel. Provokanter ausgedrückt heißt dies: Chinesische SpielerInnen sind nach der Qualifikation bei Olympischen Spielen durch die geringere Zahl gleichwertiger Gegner bereits viel näher am Titelgewinn als hier. Daher verwundert die Meinung vieler Chinesen nicht, die CHINA NATIONAL GAMES seien viel schwieriger zu gewinnen als eine Olympiade.

Während die Teilnahme oder gar ein Titel bei den CHINA NATIONAL GAMES für die meisten chinesischen Spieler „die Welt“ bedeuten, sind sie als rein nationales chinesisches Turnier international weithin unbekannt – das wollen wir hiermit ändern!

 

Angekommen im chinesischen Olymp

2013 fand der Tischtenniswettbewerb in ANSHAN statt, einer Millionenstadt der Provinz LIAONING. ANSHAN nennt man auch „die Eisenstadt“, weil sie mit der Eisenbahnindustrie aufgeblüht ist. Neben dem Tischtennis-Wettbewerb werden hier in diesem Jahr auch Fußball-, Handball- und Schwimmwettbewerbe ausgetragen. Dafür wurden um ANSHAN verschiedenste Sporteinrichtungen gebaut. Allein hieran sieht man, wie viel Zeit und Geld Staat und Kommunen für dieses Turnier aufwenden.

Unsere Uhren zeigten den 3.9.2013, 19 Uhr, als wir nach Flug und zweistündiger Autofahrt am OLYMPIC SPORTS CENTER STADIUM anlangten. Der strenge Taschen- und Bodycheck erinnerte an olympische Verhältnisse. Nachdem wir die Akkreditierungs-Formalitäten hinter uns hatten, öffnete sich uns endlich die Tür zur Halle und wir schritten auf einem blauen Läufer direkt ins Geschehen.

Gerade zieht MA Long vor unseren Augen eine Vorhand-Rakete nach der anderen, legt dann noch ein Aufschlag-Ass nach, reißt die Arme gen Himmel und jubelt zu seiner Bank als hätte er gerade eine WM gewonnen.

Ein ähnliches Bild präsentierte sich uns am zweiten Tisch. Hier spielten im Viertelfinale des Team-Wettbewerbs der Herren im Viertelfinale PEKING, mit MA Long und YAN An, gegen das Team der Provinz SICHUAN. An einem weiteren Tisch das Team der CHINESISCHEN STREITKRÄFTE, die WANG Hao sowie die YoungStars FAN Zhendong und ZHOU Yu aufboten (siehe Titelbild), gegen GUANGDONG, für die neben anderen Spielern MA Lin antrat.

Doch alles der Reihe nach.

 

Hier ist man kein Star — hier wird man ein Star

Auch ohne des Chinesischen mächtig zu sein, ist man von der besonderen, eigenen Turnieratmosphäre schnell eingenommen. Im Gegensatz zu Weltmeisterschaften oder anderen Topturnieren in Asien oder im Westen, erhält hier niemand den Nimbus der Unschlagbarkeit.

Natürlich sind alle Topspieler mit weltbekannten Namen zugegen. Aber besonderer Respekt davor ist bei wenigen zu spüren. Im Gegenteil. Eigentlich klar:

„Respekt bewirkt nur eines — Gewinnchancen unnötig zu verringern.“

So fällt uns gleich zu Beginn auf, dass auch die bekannten Weltstars hier gegen Spieler mit uns unbekannten Namen absolut alles geben, fausten und sich über wichtige Punkte freuen als wäre es ein WM-Halbfinale. Und auch ihre „Leute auf der Bank“, teilweise das „Who is Who“ der Weltrangliste, stehen bei jedem Punktgewinn auf und feuern sie selbst gegen junge Nachwuchsspieler an. Niemand scheint das hier als ungerecht oder unpassend zu empfinden.

Wohl nicht zuletzt, weil das Eis hier so dünn ist, lassen nicht mal Weltmeister oder Medaillenträger olympischer Spiele hier den Star raushängen. Dies führt uns zu der Überlegung:

„Wieso zeigen diese Topspieler auf Weltmeisterschaften zwar Kampfgeist, wirken ansonsten aber relativ unbeteilligt — während sie hier auch in Mimik wie Gestik ungekannte Emotion an den Tag legen?“

Gewiss gibt es hierauf mehr als nur eine Antwort. Aber intuitiv würden wir sagen, die Antwort lautet bei den meisten:

„Weil ich sonst nicht gewinne!“

Trotz all des Drucks und der Möglichkeiten dieses Turniers: Man spielt gegeneinander – aber man sticht sich nicht aus. Eine Atmosphäre fast wie man sie von Wettkämpfen zwischen Hochschulen kennt.

 

Für Karriere — oder Ehre

Für junge Spieler, die sich noch keinen Platz im chinesischen Nationalkader erkämpfen konnten, ist der Wert, auf dieser Bühne einen Sieg, einen guten Platz oder gar einen Titel zu erringen, extrem hoch.

Aber auch für alle anderen ist das Ansehen dieses Turniers Anreiz genug, hier auch jeden Respekt auszuschalten, alles zu geben, alles zu versuchen.

Fürs Publikum, ob vor Ort oder an Bildschirmen, ist dies nur eine weitere Garantie für Spannung ab der ersten Runde. Denn hier ist alles möglich.

 

Eindrücke aus dem Team-Wettbewerb der Herren

Zurück zum Abend des 9.3.2013. Gerade wird das Viertelfinale im Team-Wettbewerb der Herren ausgetragen, in dem das Team der Provinz SHANDONG mit Weltmeister ZHANG Jike ( außerdem WU Hao und KONG Ling Shuan) gegen das der Stadt SHANGHAI verlor, die mit WANG Liqin, XU Xin, SHANG Kun antraten. Bemerkenswert ist jedoch, dass SHANDONGs Nr. 2, WU Hao, die Meisterleistung vollbrachte, XU Xin zu schlagen. Wohingegen SHANDONGs Topmann ZHANG Jike neben XU Xin auch gegen WANG Liqin verlor. Das ging gut los — und sollte gut weitergehen.

Im Team-Wettbewerb verstehen sich alle Spieler wirklich wie ein Team: Spieler wie Bank kämpfen gemeinsam um jeden Punkt – mit einer unvergleichlichen Intensität. 11 Punkte zu erreichen wird so auch für den Einzelnen zu einem ganz anderen Erlebnis als im Einzelwettbewerb.

Derweil bescherte das Team der CHINESISCHEN STREITKRÄFTE (mit WANG Hao, Zhou Yu, FAN Zhendong) dem Team der Provinz GUANGDONG (MA Lin, Zhao Zhou, LIN GaoYen LINGAOYEN) eine Niederlage. Zwar musste die Nummer 1 der STREITKRÄFTE, WANG Hao, sowohl gegen LIN GaoYen als auch gegen MA Lin Niederlagen hinnehmen, dafür steuerten beide Youngstars, ZHOU Yu und FAN Zhendong, jeweils einen Punkt bei.

Natürlich haben auch Topspieler Formschwankungen, aber das Beispiel von ZHANG Jike und WANG Hao, die beide 2 Punkte abgaben, zeigt, welche Kräfte auf diesem Turnier mobilisiert werden.

Genausowenig wie Nachwuchsspieler lassen sich auch Trainer vom Respekt für große Namen nicht in ihren Entscheidungen beeinflussen: Bei den Halbfinal-Spielen am folgenden Tag spielte WANG Hao dann als Nr. 3. ZHOU Yu und FAN Zhendong wurden darauf eingestellt, mindestens 2 Punkte einzuspielen – und zwar gegen den Turnierfavoriten PEKING (MA Long , YAN An, HOU Ying Chao). Die Taktik ging auf: Oben besiegte FAN Zhendong YAN An ganz glatt. Und auf der 2 gelang ZHOU tatsächlich die Sensation: ein 3:1-Sieg über MA Long. „Unten“ war Abwehrkiller WANG Hao dann gegen PEKINGs gefährlichen Abwehrmann HUO Ying Chao erfolgreich und steuerte den finalen Punkte für die STREITKRÄFTE bei.

Im anderen Halbfinale zwischen den Teams der Städte SHANGHAI und TIANJIN (HAO Shuai, LI Ping, LIU Yanan) brachte sich SHANGHAI mit einem 3:0 ins Endspiel.

Hier WANG Liqin gegen HAO Shuai:

Im Endspiel machten die STREITKRÄFTE WANG Hao wieder zur Nr. 1 und setzten FAN Zhendong an Nr. 3. SHANGHAI spielte mit XU Xin an 1, WU Hao an 2 und WANG Liqin an 3.

Im ersten Spiel zeigte WU Hao, von dem gegen WANG Hao niemand einen Sieg erwartete, ganz unbeeindruckt was er kann und unbedingten Siegeswillen. WANG Hao konnte den Punkt erst im fünften Satz mit 15:13 retten.

Im zweiten Spiel standen sich ZHOU Yu, der im Viertelfinale MA Long geschlagen hatte, und XU Xin gegenüber. ZHOU Yu, total explosiv mit beidhändigem Offensivspiel, spielte dabei Bälle so früh, dass XU Xin trotz tollster Beinarbeit oft nicht schnell genug war – und ZHOU Yu mit 3:0 gewann!

Im dritten Spiel war man gespannt, ob – und wenn wie – WANG Liqin den Jugendweltmeister von 2012 im Einzel und im Team, FAN Zhendong, aufhalten kann. Die Antwort lautete: Ja. WANG Liqin spielte sehr gerissen, konnte FAN Zhendong immer wieder auf dem falschen Fuss erwischen, ihn zu Fehlern zwingen und gewinnen.

„Alles ist möglich, nichts ist sicher.“

Im vierten Spiel trafen dann die beiden Penholder-Asse WANG Hao und XU Xin aufeinander. Gegen den entschlossen aufspielenden WANG Hao, in dem sich die Kampfgeist-geprägte Atmosphäre dieses Turnier widerzuspiegeln schien, gelang es XU Xin nicht, sich in Bestform zu bringen und sich dem druckvollen beidhändigen Angriffsspiel WANG Haos zu widersetzen. Damit gewann das Team der CHINESISCHEN STREITMÄCHTE wie im Vorjahr das Turnier.

Fan Zhendog – Wang Liqin

WANG Hao – XU Xin

 

Damen: Mit Team-Spirit stoppte SHANDONG die Siegesserie von PEKING

Noch vor dem Herren- fand der Teamwettbewerb der Damen statt. Mit Weltmeisterin LI XiaoXia an der Spitze, mit CHEN Meng, der Jugendweltmeisterin von 2011, und YANG FeiFei galt SHANDONG, in dieser Aufstellung, als Favorit. Auch im Halbfinale gegen Mitfavorit PEKING, die sich anschickten, zum vierten mal hintereinander das Turnier zu gewinnen. Nur DING Ning schaffte es, dem Können und unbedingten Siegeswillen von CHEN Meng Paroli zu bieten – wodurch PEKING den Finaleinzug von SHANDONG aber nicht verhindern konnte.

Auf der anderen Seite schaffte es das Team der Provinz SHANXI (WU Yang, LI Xiaodan, GU Yuting) überraschend ins Finale, konnte dort aber ebenfalls der Überlegenheit und dem Team-Spirit SHANDONGs nichts entgegensetzen.

Doch sollte man nicht den Blick für die Relationen und die Realität verlieren. Kein Vorsprung ist im chinesischen Spitzentischtennis — ob für Einzelne und Manschaften — sicher. Dafür sorgt nicht zuletzt die enorme Breite an Spielern und Spielerinnen, die abseits der Weltbühne der Tischtennisspitze, ihren weltbekannten SportkameradInnen nur um Haaresbreite nachstehen – und vehement an die Spitze drängen.

Als ein Beispiel dafür, wie dünn auch bei den Damen das Eis ist, sei das erstklassige Damen-Team von GUANGDONG genannt.. Hier spielt die amtierende Nr. 1 der Weltrangliste und Vize-Weltmeisterin im Einzel von 013 in Paris, LIU ShiWen – und doch konnte sich das Team in der Qualifikation für dieses Turnier erst gar nicht durchsetzen.

 

Gemischtes Doppel in China uninteressant? Pustekuchen!

Noch 2009, bei den Weltmeisterschaften in Yokohama, und auch 2011 in Rotterdam, ließ sich bei den Mix-Paarungen eine gewisse Systematik erkennen: Ganz offensichtlich sollte SpielerInnen der nächsten Generation die Chance gegeben werden, Erfahrungen zu sammeln. Das Medaillensammeln schien zumindest nicht das oberste Ziel der chinesischen Strategie zu sein. Ob dies nun aus einer Geringschätzung der internationalen Konkurrenz erfolgte oder andere Gründe hatte.

So gewannen in Yokahama LI Ping mit CAO Zhen und in Rotterdam ZHAO Zhou/CAO Zhen den Mix-Wettbewerb. Wenn man diese Sieger-Paarungen mit solchen der Vorjahre vergleicht, z.B. WANG Liqin / GUO Yue oder MA Lin / WANG Nan, dann kann man wohl feststellen, dass wir auf Weltmeisterschaften schon seit langem die tatsächlich stärksten chinesischen Mixed-Paarungen nicht mehr zu Gesicht bekommen haben.

Auf den CHINA NATIONAL GAMES war von so einer Denke keine Spur. Man betrachte nur einmal die Sieger-Paarung des Wettbewerbs, die sich aus der damalig weltweiten Nr. 1 der Herren, MA Long, und der Nr. 2 der Damen, DING Ning, zusammensetzte. Und die im Viertelfinale auf MA Lin / XU Jie sowie im Halbfinale auf CHEN Qi / ZHOU Xin Tong trafen, um im Finale Zhao Zhou/LIU ShiWen gegenüberzustehen.

Ohne dies ansonsten weiter werten zu wollen, konnten wir für uns das Fazit ziehen: Hier sieht niemand den Mixed-Wettbewerb als ein Unterhaltungs-Intermezzo. An Einsatz, Leidenschaft und Publikumsgunst stehen die Begegnungen denen anderer Wettbewerben in nichts nach. Und: Diese CHINA NATIONAL GAMES haben auch in uns das ernsthafte und dem Doppel und Einzel ebenbürtiges Interesse am Mixed-Wettbewerb neu zum Leben erweckt.

 

Herren-Doppel: Youngstars ganz vorne

Andere Spiele, ähnliche Erkenntnisse: Gleich in der ersten Runde mussten sich Toppaarungen wie WANG Hao / CHEN Qi oder MA Lin / Zhao Zhou) ihren Gegnern ergeben. Genauso erging es den Titelfavoriten XU Xin / WANG Liqin, die im Achtelfinale den grandios kämpfenden HAO Shuai / LI Ping nicht genug entgegensetzen konnten.

Letztere scheiterten dann im Halbfinale an den Nachwuchshoffnungen FAN Zhendong / ZHOU Yu. Hier wurde uns klar. Man muss sich nicht nur FAN Zhendong, der international schon letztes Jahr so stark auf sich aufmerksam machte, sondern auch ZHOU Yu merken. Beide bewiesen in allen Disziplinenen, welche enormen Sprünge sie gemacht haben. Ob in Bezug auf die Härte und Schnelligkeit ihrer Bälle oder auch ihre perfekte Behrrschung aller modernen Schlagtechniken.

Das bekam auch die hocherfahrene Senior-Paarung HAO Shuai / LI Ping im Halbfinale zu spüren. Dank enormer Spielübersicht, Stopp-Blocks, Flicks, Tempowechseln konnten sie die beiden „Jungs“ zwar immer wieder gekonnt aus dem Konzept bringen. Doch dann die Überraschung: Bei 9:9 im 7. Satz beging ausgerechnet HAO Shuai einen fatalen Fehlaufschlag und boten den Youngstars den Finaleinzug auf dem goldenen Teller. Und FAN Zhendong / ZHOU Yu griffen zu.

So mutete das Doppel-Finale wie eine Boygroup an. Denn hier trafen sich alle Nachwuchsstars der CHINESISCHEN STREITKRÄFTE zum Kampf um den Titel: FAN Zhendong / ZHOU Yu gg. LI Muqiao / YIN Hang. Dies war dann auch der Grund dafür, dass das Publikum keine Partei ergriff und es ungewöhnlich still war.

Im Ergebnis spielten FAN Zhendong und ZHOU Yu ihre Fähigkeiten voll aus und gewannen ganz klar.

 

Damen-Doppel: Anderer Wettbewerb, gleiche Feststellungen

Anderer Wettbewerb, gleiche Feststellungen: Zwar hatten alle Finalistinnen auch schon international auf sich aufmerksam gemacht, die – aus unserer Wahrnehmung – „großen“ Namen fehlten aber ganz oben auf dem Treppchen.

Dort standen nach tollen Leistungen, großen Überraschungen und einem überlegenen Endspiel MU Zi / CAO Zhen – erneut eine Paarung der CHINESISCHEN STREITKRÄFTE.

 

Herren-Einzel: Chance für den Nachwuchs und für versteckte Könner zum Sprung in die erste Reihe

33 Spieler hatten es geschafft, sich für den Einzelwettbewerb der Herren zu qualifizieren.

Mehrmals sah es anders aus, doch sollte es in den ersten beiden Runden im Endeffekt keine Riesen-Überraschungen geben. Nennenswert waren in dieser Runde MA Lin, der von JIE Jian Wei und dessen tischnahes Penholder-Angriffsspiel in allerhöchste Bedrängnis geriet. Außerdem ZHANG Jike, der gegen das schnelle Konterspiel von SHI Ming Yu in den 7. Satz gezwungen wurde. Beide A-Kaderspieler waren nicht etwa nur halb bei der Sache – ihre Herausforderer waren ganz einfach sehr stark.

Die dritte Runde hat dann besonders für die Spieler, die sich noch unterhalb der zweiten Riege des Nationalkaders befinden, enorme Bedeutung. Denn hier geht es darum, sich gegebenenfalls direkt einen Platz im Nationalkader zu erspielen. Diese Chance besteht nicht nur für Nachwuchsspieler, auch für möglicherweise bislang unterschätzte Könner, die der Jugend bereits entwachsen sind. Hier können sie sich auf einer Bühne höchster Aufmerksamkeit mit den Topspielern des A-Kaders messen und sich beweisen.

So zum Beispiel der schon rein physisch ungemein starke Linkshänder CHENG Jing Qi, der WANG Hao einem Topspin-Dauerfeuer überzog und nicht nur eine 3:0-Führung, sondern auch einen Matchball in der Hand hatte. Was nicht ausreichte.

Auch der 17-jährige Jugend-Asienmeister LIANG Jin Kun brachte die Halle zum Kochen, als er MA Long mit druckvollstem Vorhand-Topspinspiel, das von einer für sein Alter unglaublichen Physis profitierte, aus dem Turnier zu schießen schien. MA Long konnte sich noch gerade so retten.

Auch WANG Hao hatte dann große Schwierigkeiten mit dem MA Lin-Bezwinger CUI Qing Lei, konnte aber die wichtigsten Punkte für sich entscheiden und den Herausforderer letztendlich bezwingen.

 

Herren-Einzel: Erst die Halbfinale ohne ganz neue Gesichter

Übrig bleiben also WANG Hao, MA Long, XU Xin und Youngstar FAN Zhendong. Während bei den Weltmeisterschaften in Yokohama, Rotterdam, Paris und auch bei den CHINA NATIONAL GAMES vier Jahre zuvor stets WANG Hao gegen MA Long erfolgreich blieb, sollte es hier anders kommen.

Herren-Einzel / Halbfinale : MA Long – WANG Hao

Fast fern jeder besonderen Taktik, zählt nun die Tagesform und inwieweit es gelingt, JETZT alle Stärken aus sich herauszuholen, die einen ausmachen.

So versuchten beide von Beginn an, den Gegner mit hartem Angriffsspiel zu dominieren. Statt mit der Rückhand viel vorzubereiten verlegte sich MA Long darauf, WANG Hao bei jedem auch nur irgendwie möglichen Ball mit Vorhand-Raketen zu überziehen – und konnte ihm möglicherweise dadurch genug Sicherheit nehmen, um im Endeffekt den Sieg davonzutragen.

 

Herren-Einzel / Halbfinale : XU Xin – FAN Zhendong

Im anderen Halbfinale zwischen XU Xin und FAN Zhendong zog sich ersterer – gewiss nicht zuletzt dank seiner ihm angeborenen Laufstärke – eine Verletztung am Bein zu. Das Spiel musste unterbrochen und XU Xin behandelt werden.

Viele glaubten, dass XU Xin das Spiel abbrechen lassen und aufgeben würde – aber alle hatten sich geschnitten. Mit frisch „getapetem“ Knie ging er zurück an den Tisch und mobilisierte genug Energie, um FAN Zhendong Satz 4 und 5 abzuknöpfen. Erst im sechsten Satz fand FAN wieder zu seinem eigenen Spiel und rang XU Xin nieder.

Damit hatte es FAN Zhendong trotz seiner Jugend doch tatsächlich bis ins Finale der wichtigsten Bühne des chinesischen Tischtennis geschafft.

 

Herren-Einzel / Finale : MA Long – FAN Zhendong

Als würde ihm diese ganze Tragweite erst gerade bewusst, begann FAN das Finale gegen MA Long dann auch gleich mit einem Fehlaufschlag.

Im krassen Gegensatz dazu schien MA Long völlig ausgeglichen und konzentrierte seinen Angriff ganz auf die FANs Mitte. Beide packten alles aus was sie konnten – und es war MA Long, der beim Stand von 3:2 nach Sätzen und bis zum 8:9 noch zurücklag. Dann jedoch bot er FAN Zhendong Schach – und matt.

MA Long, der nun schon so lange an der Spitze des chinesischen Tischtennissports steht, hatte sich im schwierigsten aller Turniere durchgesetzt – und damit allen Grund, sich darüber zu freuen wie über einen Titel bei Weltmeisterschaften oder Olympia.

 

Damen-Einzel: LI Xiaoxia gg. CHEN Meng

Bei den Damen ging es in Kampfgeist, Selbstaufopferung und Favoritenstürze ähnlich zur Sache.

Hier hatte sich die junge CHEN Meng unter anderem mit einem Sieg über DING Ning im Viertelfinale bis ins Finale vorgekämpft und trat gegen die favorisierte LI Xiaoxia an – wie schon wenige Monate zuvor in der 4. Runde des Einzelwettbewerbs bei den Weltmeisterschaften in Paris.

Nachdem sich LI in unbestechlicher Topform schon im Halbfinale gegen LIU ShiWen durchsetzen konnte, hatte sie auch im Finale gegen die junge Herausforderin den besseren Lauf und holte sich den Titel – und noch viel mehr.

Denn damit hat LI Xiaoxia etwas geschafft, dass vor ihr nur 3 Spielerinnen in der Geschichte gelang – nämlich Olympiasiegerin, Weltcup-Siegerin, Weltmeisterin, World Tour Grand Final-Siegerin und Siegerin der CHINA NATIONAL GAMES zu werden.

 

Zurück zur Frage: Was macht China so stark?

Was können wir aus diesen Beobachtungen lernen – im Kleinen wie im Großen?

Denn wie bereits festgestellt, hat die Vormachtstellung Chinas sehr komplexe Gründe, die sich nicht auf „Klasse durch Masse“ reduzieren lassen. Worauf also noch?

In einem früheren Interview mit uns führte ZHANG Jike schon an, er sehe einen Grund auch in der „Struktur und Organisation des Tischtennissports in China “, sowie darin, dass es „nicht die Leistungen der Spieler und deren persönlichen Coaches alleine, sondern auch die der Teamleiter, Trainer, Spielanalysten, Masseure in ihrer Gesamtheit“ sind, aus der er viel Kraft ziehe.

Hier unsere Sammlung an weiterer Argumente, die man vielleicht als „einfach konsequenter und perfektionistischer “ zusammenfassen könnte.

 

Aufschläge

Viel mehr SpielerInnen praktizieren den Aufschlag viel konsequenter als Teil der Offensive, als frühest möglichen Offensivschlag. Ist der doch gleichsam der einzige Schlag, den man ohne gegnerische Einfluss ausführen kann.

Auf keinem Turnier begegneten uns Aufschläge in derartiger Artenvielfalt und so hoher Perfektion.

(Zur vergrößerten Ansicht bitte auf das erste Bild klicken)

 

 

Aufschlag-Rückschläge

Gleiches gilt für den Aufschlag-Rückschlag.

Als erstes Beispiel sei hier die Chiquita-Technik aufgeführt – wer nun immer sie erfunden oder auf internationaler Ebene erstmals eingeführt haben mag.

Gewiss sind die chinesischen SpielerInnen nicht die einzigen, die diese Technik anwenden. Auch andere junge Spieler wie Koki NIWA haben sie früh entdeckt. Aber hier auf den 12. CHINA NATIONAL GAMES sprang ins Auge, wie breit und wie perfekt diese relativ neue Schlagtechnik zum Einsatz kommt – nicht nur bei den Herren, sogar bei den Damen.

Dies setzt voraus, dass Spieler wie Trainer eine neue Technik wie die Chiquita erkennen, sie in Trainingsprogramme aufnehmen und direkt als unverzichtbaren Angriffsschlag fürs Spiel über dem Tisch einüben und einsetzen .

Sehen wir uns einmal an, wie FAN Zhendong sie spielt.

Als weiteres Beispiel fiel uns der „Stop Receive“ auf, der von sehr vielen ganz bewußt und gekonnt ausgeführt wird. Also die Technik, einen in die kurze Vorhand oder die kurze Mitte kommenden  Aufschlag so kurz hinter das Netz zurück- bzw. „abzulegen“, dass der Gegner ihn nur schwer für seine Offensive nutzen kann.

 

Vielfalt an Schlagtechniken

Neu für uns auch die Häufigkeit, mit der sogenannte „Abstecher“ zum Einsatz kommen. Also die Technik, vorgezogene Topspins nicht zu blocken oder gegenzuziehen, sondern sie mit einer Mischung aus Block- und Schupfball „abzustechen“.

Auch diese Technik ist, wie die meisten der genannten, nicht neu. Auch weltweit nicht. Neu ist für uns lediglich, dass hier offensichtlich nicht nur dann eingesetzt wird, wenn jemand hoch führt oder aussichtslos hoch zurückliegt und sich Griffe in die Trickkiste erlaubt; sondern dass sie hier Teil des festen Trainingsprogramms vieler Spieler geworden zu sein scheint.

 

Lange Aufschläge bestrafen

Auffällig war auch, dass zu lange Aufschläge hier so viel konsequenter bestraft werden als beispielsweise auf internationalen Wettkämpfen. Das bedeutet, dass auch dies ein offizieller Teil des Trainingsprogrammes sein muss – zumindest im chinesischen Profi-Tischtennis.

 

Voller körperlicher Einsatz

Voller körperlicher Einsatz wird als unverzichtbare Voraussetzung dafür akzeptiert, um jeden Schlag so perfekt wie möglich umzusetzen. Genauso wie das dafür unverzichtbare Training der Kraft, der Kondition und der Beweglichkeit. Auch um dadurch viel mehr Tempo und Härte ins Spiel zu bringen.

Sehr schön ist dies auch an den folgenden Fotostudien der beiden chinesischen YoungStars zu sehen.

ZHOU Yu

 FAN Zhendong

 

 

Keine Uniformiertheit im Spielstil

Ob Abwehr, Angriff, Blockspiel – kein Spielstil, der nicht in unterschiedlichsten Spielweisen praktiziert und nicht als möglicher Weg zum Ziel akzeptiert würde. Nicht die Spielweise ist entscheidend, sondern allein, ob man ein Meister darin wird.

 (Übersetzung aus dem Japanischen und redaktionelle Bearbeitung : Frank Völler)

 

Über den Autor

Manabu

Manabu Nakagawa ist Redakteur und Herausgeber des „Table Tennis Report”. Das japanische Magazin wurde von Hikosuke Tamasu (dem Gründer von Tamasu Co.) gegründet. Manabu begleitet das beliebte Magazin mit 60 jähriger Tradition seit 25 Jahren und bereist viele Länder, um von hochkarätigen Turnieren wie den olympischen Spielen oder der Weltmeisterschaft zu berichten. Dabei übernimmt er vielseitige Aufgaben, kümmert sich um Reportagen, Fotos und Interviews mit den Topspielern, zu denen er ein freundschaftliches Verhältnis pflegt.

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