Nun sind seit der Team Weltmeisterschaft in Tokios Yoyogi National Gymnasium schon einige Tage vergangen. Zeit für uns also, diese riesige Veranstaltung einmal Revue passieren zu lassen und darüber nachzudenken. Wer könnte das besser als unser Experte, der langjährige Deutsche Nationaltrainer Richard Prause. Richie?

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Ich denke wir haben tollen Sport gesehen und vor allem auch gemerkt, dass in Japan Tischtennis einen sehr hohen Stellenwert hat, vor allem wenn die japanischen Mannschaften an den Start gegangen sind. Sowohl bei den Herren aber natürlich auch bei den Damen. Weil Damen in Japan nochmal einen Tick mehr im Fokus stehen, war der Event annähernd ausverkauft.

Besonders schön fand ich, dass es auf dem Vorplatz dieser sehr beeindruckenden Halle unheimlich viele Möglichkeiten für die Zuschauer gab, sich sportlich zu betätigen. Über Tischtennis-Tische, Outdoorsport sowie die verschiedensten kulinarischen Köstlichkeiten wurden viele Aktivitäten angeboten, die auch leidlich genutzt wurden. Oftmals gab es wegen des großen Andrangs fast kein Durchkommen. Etwas anders als man es z.B. von Deutschland kennt, wo ja der Großteil der Extraaktivitäten in der Halle stattfindet. Diese Idee des „Freiluftzirkus“ als Beiwerk zu dieser Weltmeisterschaft hat mir sehr gut gefallen.

Und man konnte wirklich merken, dass die Zuschauer die japanischen Mannschaften nach vorne getragen haben. Was sie auch gedankt haben – mit wirklich sehr guten Leistungen! Ein zweiter Platz bei den Damen, ein dritter Platz bei den Herren. Das zeigt, dass das japanische Tischtennis auf höchstem Niveau stattfindet. Vor allem sind dies sehr junge und entwicklungsfähige Mannschaften, die ihre besten Jahre noch vor sich haben.

Ich fand es auch interessant, dass diese Veranstaltung insgesamt von sehr vielen Fernsehberichterstattern begleitet wurde. Ein Zeichen für den hohen Stellenwert des Tischtennissports in Asien. Es wäre schön, wenn Deutschland da eine ähnliche Entwicklung nehmen könnte.

Kurz ein Wort vielleicht auch noch zur Größe der Veranstaltung: Das war natürlich einmal mehr ein unglaubliches Event. Und das zeigt uns, dass Tischtennis wirklich international, wirklich weltweit, stattfindet. Allerdings ist es gleichzeitig auch eine ganz große Herausforderung für jeden Ausrichter. In der Folge ist es auch nur richtig, dass die ITTF versucht, das Ganze etwas einzugrenzen und in Zukunft jeweils 96 Mannschaften bei den Damen und bei den Herren an den Start gehen zu lassen.

Jetzt möchte ich gerne die einzelnen Mannschaften bzw. die einzelnen Entwicklungen der Mannschaften ins Auge nehmen.

Ich denke, dass China wirklich relativ unangefochten seine Kreise zieht. Einzig Deutschland schafft es an sehr guten Tagen, China zumindest in Verlegenheit zu bringen. Mit Patrick Franziska hat die Deutsche Mannschaft einen 21-Jährigen vielversprechenden Spieler in ihren Reihen, der – denke ich – noch nicht das Ende seiner Leistungsentwicklung erreicht hat und mit Timo Boll und Dimitrij Ovtcharov über zwei herausragende Führungsspieler verfügt.

China ist in gewisser Weise im Umbruch: WANG Hao, der viele Jahre lang die Seele des chinesischen Teams bildete, war hier nur als ruhender Pol in der Mannschaft vorgesehen. Die etwas jüngeren Spieler um FAN Zhendong, MA Long, und XU Xin werden dadurch noch mehr in die Verantwortung genommen. Interessanterweise gehört auf der einen Seite ZHANG Jike sicherlich auch noch dazu, aber er hat sich während dieser WM nicht in der Rolle des Führungsspielers präsentiert. Er wurde sicherlich auch von Dimitrij Ovtcharov überrollt. Vielleicht ist ZHANG Jike auch ein klein wenig satt? Sein Meisterstück hat im Finale wohl MA Long gemacht und die chinesische Mannschaft mit hervorragendem Tischtennis im Finale zum Titel geführt.

Japan ist eine Mannschaft, ich hab’s schon erwähnt, die die besten Jahre noch vor sich hat und sicherlich im Konzert der Großen absolut mitmischt.

Koreas Niederlage gegen Taiwan ist von der Nationenwertung schon eine Überraschung. Aber ich denke, dass Korea ganz massiv darum kämpft, den Anschluss zu behalten. Die Spieler hinter den „großen Drei“ wie CHO Eonrae, oder KIM Minseok lassen zwar immer wieder mit sehr guten Ergebnissen aufhorchen, nichts desto trotz glaube ich, dass die Mannschaft nicht annährend an das anschließen kann, was jene RYU Seung-min, JOO Se-hyuk und OH Sang-eun geleistet haben.

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Taiwan ist für mich eine interessante Mannschaft, da sie auch von der Altersstruktur her eine gute Mischung aufweisen.

Und dahinter gibt’s z.B. immer wieder einige Mannschaften, wie etwa die portugiesische oder auch eine österreichische Mannschaft, die schnell nach vorne kommen können.

Für mich eine Bereicherung, dass Brasilien mit einer interessanten Mannschaft aufwartet. Vor allem Hugo Calderano und Gustavo Tsuboi haben da mein Augenmerk auf sich gezogen. Hinter China, Deutschland und Japan kann da sehr viel passieren. Und das tut dem Tischtennis nur gut. Wichtig ist eben, dass man sich auf höchstem Niveau weiterentwickelt!

Bei den Damen ist dies ähnlich.

China allein auf weiter Flur gefolgt von Japan. Ich denke bei Singapur gab es eine Wachablösung, ähnlich wie bei Korea. Da ist einiges zusammengerückt und daraus resultiert eben auch der Auftritt einiger jüngerer Spielerinnen, die interessant sind. Ich denke da aus europäischer Sicht z.B. an Britt Eerland, Sarah DeNutte oder Andrea Todorovic oder einige andere noch. Da tut sich Einiges!

Vielleicht ein Wort auch zur zweiten Division.

Auch in der zweiten Division wurde zum großen Teil ganz toller Sport geboten, mit den beiden Aufsteiger im Herrenbereich, Italien und England, die es das erste Mal nach vielen Jahren geschafft haben sich in die Championship Division zu spielen.

Aber auch bei den Damen bringen die Aufsteiger Brasilien und Schweden neue Herausforderungen mit. Brasilien ist aus meiner Sicht sowieso ein Land, welches seinen Platz auf der Tischtennis-Weltkarte gefunden hat, da ist eine Menge in Bewegung!

Spielerisch?

Spielerisch glaube ich, dass das Tischtennis noch athletischer geworden ist und ich vermute, dass diese Entwicklung mit dem Plastikball noch mehr in diese Richtung geht.

Fast alle Spieler auf dem höchsten Niveau sind mit diversen Ausprägungen athletisch sehr austrainiert. Der Athletiktrainer wird ein ganz entscheidender Bestandteil der Weiterentwicklung sein. Athletik bedeutet eben, sich früh genug zum Ball stellen zu können und immer wieder die optimale Position auszunutzen. Das Alles muss möglichst schnell geschehen. Insofern ist für den Tischtennisspieler das Ziel, dass man neben Tischtennis-Können eben auch athletisch auf dem absoluten Top-Niveau ist. Bei den Herren ist man da noch einen Tick weiter als bei den Damen. Aber auch dort ist die Entwicklung auffällig.

Spielerisch ist unglaublich viel auf dem „Rückhand Bananen Flip“ aufgebaut, sowie auf die Umlauf-Situationen. Gleichzeitig gibt es eine Ausprägung der Beid-Seitigkeit, sowohl im Herren- als auch im Damentischtennis. Beidseitige Spieler haben die überwiegend einseitig ausgeprägten Spieler früherer Generation inzwischen abgelöst. (z.B. Wang Liqin, Ryu Seung-min oder auch Ma Lin) (Ausnahme: Xu Xin!)). Beid-Seitigkeit aufbauend auf einem guten Rückhand Flip, kombiniert mit einem guten kurzen Vorhand Rückschlag, sind meiner Meinung nach die Perspektiven der Zukunft.

Und was aus meiner Sicht der nächste Schritt sein wird: Immer wieder auch bewusst halblange und lange Aufschläge einbauen, um den Rückhand Flip des Rückschlägers etwas zu entschärfen. Letztlich wird es auch so bleiben, dass neben der beidseitigen Ausprägung  auch immer wieder umlaufen werden wird, um den Punkt zu gewinnen, ohne dabei das aggressive Spiel mit der Rückhand zu vernachlässigen.

Viel Arbeit liegt da noch vor uns, aber ich denke es lohnt sich in unsere Sportart zu investieren und gemeinsam Tischtennis weiterzuentwickeln. Ich freue mich darauf! Euer Richie

Über den Autor

Seb

Sebastian begann mit dem Tischtennissport mit 11 Jahren und schaffte es bis in die 5. deutsche Liga. Aktiv im Profisport ist er dennoch: Seit 2011 arbeitet Sebastian als TV-Kommentator für die ITTF und berichtet Live von den großen internationalen Turnieren. Seit 2014 ist er Teil des Butterfly-Teams und arbeitet im Export und Marketing als Übersetzer und Lektor.

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Ein Kommentar

  1. René

    Ein umfassender und unheimlich interessanter Überblick der aktuellen Tischtennis-Welt. Vielen Dank Herr Prause.
    Die Entwicklungen bleiben weiter sehr spannend. Es wäre toll, wenn die entsprechenden Verbände in den aufstrebenden Ländern (wie z.B. Portugal und Brasilien) in unsere Sportart und in ihre Spieler investieren bzw. Unterstützung bekommen.