Einer der Hauptgründe, warum Timo Boll seit langem zu den Besten der Welt gehört und im Januar 2003  — als erster Deutscher  — sogar die Weltrangliste anführte, ist gewiss sein beidhändiges Topspin-Spiel.

Timo Boll_VH-Topspin_Borussia_SMALL_HIGHMit ‚beidhändig‘ meinen wir selbstredend nicht die Topspins nach jenen kuriosen Schlägerhandwechseln, die ihm hin und wieder sogar im Wettkampf glückten — auch wenn die einen eigenen Artikel wert wären. Sondern das rotationsreiche Topspinspiel, das der 1981 geborene Linkshänder mit der Vorhand wie der Rückhand fast gleichermaßen druckvoll auf den Tisch bringt.

Zweifellos hat die Zahl der Spieler mit beidhändigem Topspin-Spiel stark zugenommen. Aber Timo Boll praktiziert diese Spielweise schon seit so vielen Jahren, dass man ihn gerade unter den Linkshändern als einen Pionier dessen sehen kann.

Deshalb haben wir Timo Boll gebeten, uns seine Spielweise und Schlagtechniken des beidhändigen Topspin-Spiels im Detail näherzubringen. Für die letzte Dezemberausgabe des japanischen ‚Table Tennis Report‘ erfüllte er uns diesen Wunsch. Unser Tipp für alle, die es können wollen: Einfach diesen Artikel studieren und dann mit dem Handy in die Sporthalle, um die Techniken anhand der insgesamt 98 Fotos einzuüben.

 

Bolls zwei Spielmuster,  Topspins gegenzuziehen

Im heutigen Profitischtennis hängt für Offensivspieler viel davon ab, dass man Topspins offensiv begegnen kann. Bei Timo Boll lassen sich im Großen und Ganzen zwei Techniken unterscheiden, wie er Topspins gegenzieht.

Einerseits die gegen langsamere, dafür rotationsstärkere Topspins — wie sie oft nach Zurückschupfen kurzer Aufschläge folgen.

Zum anderen die gegen schnelle, harte Topspins — wie sie beispielsweise in Topspin-Duellen gefordert sind.

 

Muster 1: Spielweise gegen rotationsreiche Topspins

Die anschließende Bildfolge zeigt ein Spielmuster, das sehr typisch für Timo Boll ist: Nachdem er einen kurzen Aufschlag oder Ball über dem Tisch gerade so lang zurückgeschupft hat, dass sein Gegner ihn anziehen kann, erwartet er den Topspin in einer Ausgangsstellung, die ihm das Gegenziehen erlaubt. Hier geht es mehr um den richtigen Umgang mit der Rotation als mit dem Tempo des Balles.

Zur Vergrößerung und Galerieansicht einfach auf das erste Bild klicken.

Muster 2: Spielweise gegen schnelle Topspins

Im modernen Tischtennis ist es wichtig, nicht nur vorgezogene Bälle zum eigenen Topspin zu nutzen, sondern auch schnelle Topspins direkt gegenziehen zu können. Die folgende Bilderreihe zeigt, wie Timo sich auch von schnellen Topspins nicht in die Defensive drängen lässt, sondern offensiv mit eigenem Topspin reagiert. Die kompakte Schlagbewegung sehen wir uns im Anschluss genauer an. Hier geht es mehr darum, mit der Schnelligkeit als mit der Rotation des Balles umzugehen.

Timo macht uns erst einmal Mut:

„Viele Nichtprofis halten das Gegenziehen eines Topspins vermutlich für sehr schwer.  Aber — auch wenn die genaue Spielweise sich von Ball zu Ball leicht unterscheidet und letztendlich von der genauen Qualität des gegnerischen Topspins abhängt gibt es dafür Techniken und Tricks, die jeder lernen kann. Wenn man sie verinnerlicht und trainiert, ist das Gegenziehen plötzlich gar nicht mehr so schwer.“

 

Rotationsstarke Topspins mit der Vorhand gegenziehen

Sehen wir uns einmal den genauen Schlag- und Bewegungsablauf an, wenn Timo Boll rotationsreiche Topspins gegenzieht. Dabei betrachten wir insbesondere die Schlägerhaltung und die Schlagrichtung. Zunächst einmal in Bildern, denn die sagen bekanntlich mehr als Worte.

Die  folgende Fotogalerie zeigt den Schlagablauf von der Seite.

Die nächste Fotogalerie zeigt denselben Schlag von vorne.

 

Worauf es bei der Ausholbewegung ankommt

Nach Rückgabe des gegnerischen Aufschlages über dem Tisch gilt es, sich schnell vom Tisch zu trennen, um den Topspin zu erwarten und genügend  Freiraum fürs Gegenziehen zu gewinnen. Hauptsächlich indem man (als Linkshänder) das linke Bein schnell auf Höhe des rechten Beines zurücknimmt, ohne dabei die leicht vorgebeugte Haltung des Oberkörpers und die Körperspannung zu verlieren. Dabei (als Linkshänder) mit dem linken Bein einen festen Stand sichern und parallel zur leichten Drehung von Hüfte und Oberkörper den Schläger zurücknehmen.

 

Worauf es beim Schlag ankommt

Bei der Schlagbewegung geht es darum, sie erstens nicht von unten nach oben, sondern mehr von hinten nach „vorne oben“ auszuführen, den Ball dabei an seinem höchsten Punkt zu treffen und den Ballkontakt durch die Hüft- und Handgelenksdrehung zu unterstützen.

„Den Ball an seinem höchsten Punkt zu spielen ist wichtig, weil es dann am leichtesten ist, seine Rotation zu beherrschen. Dabei nicht vor den Ball  schlagen, sondern den Ball an seiner Oberkante treffen, also über den Ball ziehen. Diesen Zeitpunkt genau abzupassen, nicht zu früh und nicht zu spät zu sein, darauf kommt es an.“

 

Rotationsstarke Topspins mit der Rückhand gegenziehen

Wenn man Topspins nicht nur mit der Vorhand, sondern auch mit der Rückhand sicher gegenziehen kann, dann bereichert das nicht einfach nur die Möglichkeiten des eigenen Spiels — es steigert vor allem die Fähigkeit zum Punktgewinn.

„Im Prinzip kommt es auf dieselben Dinge an wie bei der Vorhand, auch wenn bei der Rückhand die optimale Stellung zum Ball noch wichtiger ist. Deshalb ist die kompakte Ausführung des Schlages hier noch entscheidender.“

Sehen wir uns in den folgenden beiden Fotoreihen einmal ganz genau an, wie der Ablauf der Schlagbewegung ist, wenn Timo Boll Topspins mit der Rückhand gegenzieht.

Von der Seite aus gesehen:

Dasselbe von vorne betrachtet:

 

Die Ausholbewegung

Timo Boll spielt die Ausholbewegung vor seinem geistigen Auge einmal durch und fasst für uns das Wesentliche zusammen:

„Nach meinem Aufschlagrückschlag bringe ich schnell  Abstand zwischen mich und den Tisch, um Raum für den Schlag zu haben.“

„Bei dieser Rückwärtsbewegung achte ich darauf, die vorgebeugte Oberkörperhaltung nicht aufzulösen.“

„Während der Ausholbewegung nehme ich den Ellbogen nach vorne, öffne mich nur leicht zur Seite und nehme das Handgelenk ganz nach innen. So weit, dass die Schlägerspitze auf meinen Bauch zeigt und sich das Schlägerblatt fast waagerecht über dem Boden befindet.“

Wenn man diese Ausholbewegung nicht vollständig und entschlossen ausführe, sei es schwer, mit der Rotation des gegnerischen Topspins umzugehen. Gerade beim Rückhand-Topspin sei diese Vorbereitung die Voraussetzung dafür, im Anschluß mit ausreichend Momentum über den Ball ziehen zu können, ergänzt er.

Sehen wir uns die Ausholbewegung noch einmal in einer Fotofolge an.

 

Die Schlagbewegung

Beim Topspin gilt es dann, den Ball vor dem Körper anzunehmen und ihn kraftvoll aus Unterarm und Handgelenk auszuführen.

Der perfekte Schlag ergibt sich aus dem optimalen Verhältnis zwischen der Stellung zum Ball, dem Winkel des Schlägerblattes, dem vorgebeugten Oberkörper und dem Zeitpunkt des Ballkontaktes.

Nach der Ausholbewegung führt der Düsseldorfer Spitzenspieler den Schlag schräg nach links oben aus (Rechtshänder: schräg nach rechts oben) und dank der geschlossenen Schlägerhaltung zieht er nicht gegen, sondern über den Ball, indem er den Ball an seiner Oberkante trifft.

„Im Untershied zur Vorhand-Technik, bei der man den Ball an seinem höchsten Punkt treffen sollte, ist das beim Rückhand-Gegenziehen anders: Hier schlägt man den Ball am besten, bevor er seinen höchsten Punkt erreicht, noch in der Aufstiegsphase.“

Und so hat es unser Illustrator in Bilder gefasst:

 

Schnelle Topspins mit der Vorhand gegenziehen

Als Angriffsspieler ist es gewiss nicht allein im Profi-Tischtennis unausweichlich, auch schnelle Topspins gegenziehen zu können, wenn man sein Heil nicht in der Ballonabwehr suchen möchte. Diese Technik verlangt ein schnelles Urteils- und Reaktionsvermögen. Deshalb halten viele diesen Schlag für den schwierigsten im Tischtennis.

Mit den folgenden Erklärungen von Timo Boll wird es vielen leichter fallen, diese Technik einzuüben. Doch sehen wir uns erst einmal die folgenden beiden Fotoreihen an und achten dabei besonders auf seine Schläger- und Körperhaltung.

Wie Timo Boll schnelle Topspins gegenzieht (frontale Ansicht):

 

Wie Timo schnell Topspins gegenzieht (seitliche Ansicht):

 

Die Ausholbewegung

In Erwartung des gegnerischen Balles hält Timo Boll seinen Schläger fast im rechten Winkel vor seinem Körper und erwartet in dieser Ausgangshaltung den Topspins des Gegners.

Mit dem auf sich zu schnellenden Ball dreht er Oberkörper und Hüfte zur Ausholbewegung nur leicht nach links (Rechtshänder nach rechts) und holt nur kurz aus — mehr nach hinten als nach unten.

„Die Ausholbewegung ist hier kürzer als gegen langsamere, rotationsreiche Topspins. Denn noch weiter auszuholen würde bei diesem Schlag zuviel Zeit rauben.“

Die Schlagbewegung

Das was schnelle Topspins ausmache sei gleichzeitig das, was sie beherrschbar macht: ihre Schnelligkeit. Durch ihre relativ geringe Rotation sei es eigentlich gar nicht so schwer mit ihnen umzugehen und die Geschwidigkeit für den eigenen Offensivschlag zu nutzen — wenn man erst einmal die Angst vor dem Ball verlöre und die Gesamtbewegung ausreichend trainiere, weiß Timo Boll.

„Der Trick liegt darin, ganz unabhängig vom Tempo oder auch der Rotation des Balles sich ganz darauf zu konzentrieren, die Bewegung richtig auszuführen und den Ball erstmal einfach dorthin zu lenken, wo er hin soll — auf die gegnerische Tischhälfte.“

Nachdem er die Ausholbewegung wie beschrieben ausgeführt hat, zieht Timo Boll in einer kurzen Schlagbewegung schräg nach oben über den Ball. Dabei trifft er den vom Tisch abprallenden Ball bereits in seiner aufsteigenden Phase. Durch den vorgeneigen Oberkörper und das nicht zu weit geöffnete Schlägerblatt führe er den Ball im Prinzip nur wohin er soll: an den beabsichtigen Punkt der gegnerischen Tischhälfte.

„Bei dieser kurzen schnellen Topspin-Bewegung unterstütze ich den Schlag nur leicht durch Unterarm und Handgelenk – mehr zur „Führung“ des Balles als um ihm Momentum zu geben. Das Schlägerblatt ist etwas geöffneter als beim Gegenziehen von rotationsreichen Topspins, dennoch ziehe ich auch hier eher ÜBER den Ball, treffe ihn an seiner Oberkante, statt davor.“

Gerade wenn er sich beim Topspinduell noch recht nahe am Tisch befände, würde er sich gar nicht sonderlich darauf konzentrieren, dem Ball besondere Geschwidigkeit oder Rotation zu geben. Sondern ihn einfach zu erreichen und in korrekter Spielweise dorthin zu lenken, wohin er ihn haben will. Denn Geschwindigkeit habe der Ball schon von sich aus genug, ergänzt Timo.

Hier nochmal Körper- und Schlägerhaltung beim Topspin gegen schnelle Topspins. Man betrachte insbesondere die Endhaltung des Schlägers im Vergleich zu der beim Gegenziehen von langsameren, aber rotationsstärkeren Topspins…

Ergo: Nur keine Angst vorm Ball und Aushol- wie Schlagbewegung üben und üben und übern.

Das gilt dann um so mehr für die im Folgenden analysierte  Technik, wie man schnelle Topspins mit Rückhand gegenzieht.

 

Schnelle Topspins mit der Rückhand gegenziehen

Vor allem schnelle Topspins in die Rückhand nehmen die meisten Offensivspieler mit einem passiven Block an. Allein damit setzt man sich aber gegen Spieler, die im beidhändigen Topspin-Spiel genügend Sicherheit haben, nicht durch, wird zu ihrem Spielball. Deshalb macht es Sinn, sein Spektrum an Schlagtechniken dahingehend zu erweitern,  schnelle Topspins selbst mit der Rückhand gegenziehen zu können. Schauen wir uns einmal an, wie Timo Boll es macht, bevor wir uns Wesentliches der Aushol- und Schlagbewegung  bewusst machen.

Die Gesamtbewegung (von der Seite):

Die Gesamtbewegung (von vorn):

 

Die Ausholbewegung

In kurzen Worten, worauf sich Timo Boll  konzentriert:

  • Das Schlägerblatt möglichst geschlossen halten; dazu auch den Ellenbogen etwas nach vorne nehmen
  • Aber mit dem Handgelenk nicht so stark ausholen (wie beim RH-Gegenziehen langsamerer, rotationsstärkerer Topspins). Lediglich so weit, dass es zwar zur Seite, aber nicht auf den Bauch zeigt.
  • Den  sicheren Stand und die vorgeneigte Haltung des Oberkörpers nicht vergessen, wodurch man – neben der geschlossenen Schlägerhaltung – zusätzlich dafür sorgt, dass der eigene Ball nicht nach oben wegspringt
  • Den Blick auf den Ball gerihtet.
  • Den Ball noch in der Aufstiegsphase treffen

In Bildern:

 

Die Schlagbewegung

In Worten:

Da in schnellen Topspins wenig Rotation ist, zieht man den Ball schräg nach oben. Damit er nicht ins Netz geht. Hierin liegt ein Unterschied zum RH-Topspin gegen „Loop-Topspins“ (langamere, rotationsstärkere Topspins). Vergleicht dazu auch die Bildfolgen!

„Nach der wie vorhin beschriebenen Ausholbewegung und mit dem Abstand zum Tisch treffe ich den Ball in seiner aufsteigenden Phase und ziehe aus stabiler Grundhaltung mit vorgebeugtem Oberkörper schräg nach links oben über den Ball — noch bevor er seinen höchsten Punkt erreicht hatte.“

„Dabei darauf achten den Ball zusätzlich durch die Führung aus Unterarm und Handgelenk auf die gegnerische Tischhälfte zu bringen.“

Je mehr man den Schlag übe und je kompakter man ihn ausführe, desto mehr Sicherheit gewinne mann, desto mehr Angst verliere man — und desto mehr eigenes Momentum werde man dem Ball gegeben können, weiß Timo Boll aus eigener Erfahrung.

Noch im Überblick die Schlagtechnik in Bildern:

Zum Abschluß und zur Verinnerlichung nochmal der Vergleich in Bildern

Die Unterschiede fallen besonders bei Betrachtung der jeweiligen Schläger-Haltung bei der Ausholbewegung sowie bei der Schläger-Endhaltung auf.

Rotationsstarke Topspins („Loop Topspins“) mit der Vorhand gegehenziehen

Schnelle Topspins („Speed Topspins“) mit der Vorhand gegenziehen

Rotationsstarke Topspins („Loop Topspins“) mit der Rückhand gegehenziehen

 

Schnelle Topspins („Speed Topspins“) mit der Rückhand gegenziehen

 

Viel Spaß und Erfolg beim Üben!

(Übersetzung aus dem Japanischen und redaktionelle Bearbeitung: Frank Völler)

 

Über den Autor

Manabu

Manabu Nakagawa ist Redakteur und Herausgeber des „Table Tennis Report”. Das japanische Magazin wurde von Hikosuke Tamasu (dem Gründer von Tamasu Co.) gegründet. Manabu begleitet das beliebte Magazin mit 60 jähriger Tradition seit 25 Jahren und bereist viele Länder, um von hochkarätigen Turnieren wie den olympischen Spielen oder der Weltmeisterschaft zu berichten. Dabei übernimmt er vielseitige Aufgaben, kümmert sich um Reportagen, Fotos und Interviews mit den Topspielern, zu denen er ein freundschaftliches Verhältnis pflegt.

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2 Kommentare

  1. René

    Wieder ein schöner, ausführlicher Artikel. Ihr gebt euch wirklich viel Mühe, die Feinheiten des Tischtennissports zu vermitteln. Und den Stars scheint man auch ein Stück näher zu kommen. Vielen Dank!

    • Frank
      Frank

      Danke für das Kompliment, René – du bringst es auf den Punkt … 🙂