Die Tischtenniswelt ist voller interessanter Charaktere, die neue Wege gehen und sich ins Ungewisse aufmachen. Einer dieser Menschen ist Stefan Feth, der 2006 seine aktive Karriere als Profi in Deutschland beendete und in die USA zog, um als Trainer den Sport dort weiterzuentwickeln. Wie das aussehen kann, sagt er in unserem exklusiven Interview.

Q: Zu Dir, wie lange bist du schon in den USA, und was genau machst du dort?

# 1 Stefan

Meine aktive Karriere habe ich 2006 beendet, davor spielte ich beim TTC Karlsruhe-Neureut, TTC Zugbrücke Grenzau und TSV Schwalbe Tündern in der Bundesliga. Ich war außerdem im Nationalkader von 1991 bis 2005 (Schüler, Jugend und Herren). Mit dem Coaching habe ich angefangen, als ich 2006 in die „Bay area“ (Anm.: Das Gebiet um die San Francisco Bay) gezogen bin, wo ich noch heute lebe.

Nach meiner Ankunft wollte ich eine junge Generation an Tischtennisspielern fördern (Kids, die damals zwischen 6 und 10 Jahre alt waren), von denen ich mir erhoffte, dass sie sich später mit den besten Spielern der Welt messen können. Viele dieser jungen Talente sind inzwischen Teil der US Junioren und Senioren Nationalmannschaft. Als Coach ist das natürlich die beste Belohnung, die man sich vorstellen kann.

Um dem wachsenden Interesse und der Nachfrage an hochkarätigem Training gerecht zu werden, haben wir die „World Champions Table Tennis Academy“ (WCTTA) gegründet. Zusammen mit Nan Li (ehemalige US Nationalspielerin) und ihren Eltern, Li Zhenshi und Zhang Li (beide insg. 4x Weltmeister im chinesischen Nationalteam) haben wir uns mit dem  Top Spin Table Tennis Center (ITTF Hot Spot Training Center) zusammengetan und bilden somit das erste Vollzeit Trainingscenter in San Jose, Kalifornien.

In der WCTTA geben wir Einzelstunden, Gruppentraining und bieten Trainingslager im Sommer und Herbst an. Zusätzlich zu regionalen Schülern arbeiten wir mit Spielern aus der ganzen Welt, die sich zu unseren  Camps anmelden oder auch für mehrere Monate vor Ort zum Training bleiben.

Außerdem bin ich seit 2009 Nationaltrainer der Herrenmannschaft.

 

Q: Wie bist Du auf die Idee gekommen, in die USA zu gehen? Wieviel Zeit verbringst Du noch in Deutschland?

Mein erstes Turnier in den USA habe ich 2001 gespielt, das war in Fort Lauderdale, Florida. Dort hat es mir sehr gefallen.

Über die Jahre bin ich immer wieder in die USA gereist, habe Turniere gespielt und Freunde gefunden, mit denen ich den Kontakt immer gehalten habe. 2004 wurde ich dann in die USA eingeladen, um während der Sommerpause in Deutschland zwei junge Talente zu trainieren (Ariel Hsing und Lily Zhang).

Damals ist mir dann bewusst geworden, wie viel Potential im Tischtennissport in den USA steckt und ich entschloss mich, meine aktive Karriere zu beenden, um nach Amerika zu gehen und dort als Coach zu arbeiten. Zu dieser Zeit gab es dort noch keine Vollzeit-Leistungszentren und kein organisiertes Training, wie ich es kennen gelernt hatte. Durch mein Engagement konnte ich helfen, die jetzt bekannten Ariel Hsing, Lily Zhang und die jüngeren Prachi und Kanak Jha, sowie Kunal Chodri von Anfang an mit aufzubauen. Diesen Weg zu begleiten und die positive Entwicklung der Spieler live verfolgen zu können, ist die größte Belohnung, die man sich als Trainer wünschen kann. Ich habe in diesen Jahren viel über Coaching gelernt und mich ständig weiterentwickelt.

Den Großteil des Jahres verbringe ich in der WCTTA in San Jose und reise mit der Herren Nationalmannschaft durch die Welt. Meine Zeit ist also sehr begrenzt, aber ich versuche zumindest einmal im Jahr meine Familie in Deutschland zu besuchen.

 

Q: Wie sieht deine tägliche Arbeit aus?

Unter der Woche arbeite ich in Einzelstunden oder im Gruppentraining.

# 7 The Top Spin_WCTTA

WCTTA @ The Top Spin TT Center

 

Q: Welche Langzeitziele verfolgst Du?

Ich versuche den Tischtennissport in den USA zu promoten und vielleicht eines Tages als Mainstream Sport zu etablieren, das Grundniveau in den USA anzuheben und die Nachwuchsspieler so mit der Zeit näher an die Weltspitze heranzuführen.

Q: Wie siehst Du die Entwicklung im amerikanischen Tischtennissport?

Alles Gute braucht Zeit. Die USA haben viele talentierte Spieler und einige gut ausgestattete Trainingshallen, Weltklasse-Trainer und Trainingspartner. Wir müssen aber an der Infrastruktur arbeiten. Was mir besonders am Herzen liegt ist Tischtennis in den Schulen als Teil des Sportunterrichts und als außerschulische Aktivität. Und zum Zweiten ist das sicherlich Tischtennis als Profisport, der es für die Spieler auch finanziell interessant macht. Wir brauchen Firmensponsoren, für die es interessant sein muss, in den Sport und die Spieler zu investieren. Die Spieler müssen dafür bezahlt werden, sich voll auf den Sport und ihre Resultate zu konzentrieren. Nur so kommt man in die Weltspitze und sichert im Umkehrschluss weitere Aufmerksamkeit für den Sport und die Karriere des Profisportlers.

 

Q: Unterscheidet sich der Zugang zum Tischtennis in den USA zu dem in Deutschland?

Li Zhenshi (L), Nan Li, Stefan Feth, Zhang Li

Li Zhenshi (L), Nan Li, Stefan Feth, Zhang Li

Viele Kinder fangen an Tischtennis zu spielen, weil sie Idole haben. Bei mir waren es zum Beispiel Jörg Rosskopf und Steffen Fetzner nach ihrem WM Erfolg im Doppel, 1989. Heute sind es Spieler wie Timo Boll und Dima Ovtcharov, die die Kinder inspirieren.

Außerdem gibt es in Deutschland und Europa viele hochkarätige Events, wie die Bundesliga, Champions League oder die ITTF World Tour, wo Kinder und Schüler ihre Profis live bestaunen können. Hier in den USA fehlt noch vieles davon, dennoch fangen immer mehr Kinder mit dem Tischtennis an, seit sich die Infrastruktur langsam bessert. Ich würde schätzen, dass wir inzwischen an die 100 Vollzeit TT Trainingszentren haben, und es werden ständig mehr.

Q: Wie ist das Image des Sports in den USA?

Witzigerweise spielen viele Amerikaner Tischtennis, allerdings mehr aus Spaß oder nur als Hobby. Daher heißt es hier auch meistens „Ping Pong“ oder „Kellersport“, weil meist mit Freunden und Familie im Keller gespielt wird. Wenn diese Spieler dann die Profis live erleben, kommen sie ins Staunen, aber genau diese Gelegenheit fehlt aktuell. Aber wir arbeiten daran.

 

Q: Welche Spieler aus den USA sollten wir denn im Auge behalten?

# 4 Stefan w Kanak Jha & Kunal Chodri

WCTTA Schüler Kanak Jha (l) und Kunal Chodri

Aktuell gibt es da einige Kandidaten, die hart an ihrer Entwicklung arbeiten und sicherlich das Zeug dazu haben, groß raus zu kommen.

Alle kann ich hier unmöglich nennen, aber da wären zum Beispiel:

  • Kanak Jha und Kunal Chodri (beide 14 Jahre alt und aus der WCTTA)
  • Crystal Wang und Derek Nie (12 bzw. 13 Jahre alt)
  • Allen Wang (15)
  • Krishnateja Avvari und Nikhil Kumar (14 und 11), aus dem Indischen Community Center.
  • Grace Yang und Victor Liu (beide 13)

Q: Gibt es große Turniere und wie ist die Struktur der Vereinslandschaft?

Es gibt sicherlich viele große Turniere, wo interessanterweise auch Frauen gegen Männer antreten.

Die größten Veranstaltungen sind die US Open und die Nationalmeisterschaften, wo auf insgesamt 100 Tischen gespielt wird und 500-800 Spieler antreten. Jeder kann mitmachen. Ausrichter für kleinere Turniere sind oft die Trainingszentren selbst, die sich dadurch auch ihr Einkommen sichern. Meist bauen diese Zentren eine gemietete Lagerhalle zur Tischtennishalle um und bieten die Spielmöglichkeit dann der Öffentlichkeit an. Das Einkommen dieser „Clubs“ besteht aus Mitgliederbeiträgen, Trainingskosten und Verkäufen von Equipment und Speisen bzw. Getränken.

 

Wer mehr über Tischtennis in den USA und Stefan Feths Projekte erfahren will, findet die Infos unter:

http://www.tt-champions.com/

oder auf der offiziellen Facebook-Page:

https://www.facebook.com/pages/The-Top-Spin-World-Champions-Table-Tennis-Academy/196837613679236

Über den Autor

Seb

Sebastian begann mit dem Tischtennissport mit 11 Jahren und schaffte es bis in die 5. deutsche Liga. Aktiv im Profisport ist er dennoch: Seit 2011 arbeitet Sebastian als TV-Kommentator für die ITTF und berichtet Live von den großen internationalen Turnieren. Seit 2014 ist er Teil des Butterfly-Teams und arbeitet im Export und Marketing als Übersetzer und Lektor.

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