Wie oft wurden wir schon von Zhang Jike überrascht? Die Antwort selbst ist nicht so interessant wie die Tatsache, dass dieser 25-Jährige immer wieder und seit geraumer Zeit die Tischtenniswelt auf den Kopf stellt. Allein dieses Jahr haben wir seine emotionale Achterbahnfahrt miterlebt, von seiner Niederlage bei der Team WM in Tokyo, über die Leistung in der chinesischen Super League, bis zu seinem spektakulären Triumpf beim Men’s World Cup in Düsseldorf.

„Zhang Jike ist ein Champion und wahre Champions hören niemals auf zu kämpfen.“ – Mikael Andersson über Zhang Jike bei der WM 2013 in Paris.

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Zhang Jike (CHN)

Das Jahr 2014 ist noch nicht vorbei, aber Zhang Jike scheint seine Quote an Schlagzeilen bereits erreicht zu haben, mit Überraschungen, die nur ein Spieler wie er bereithalten kann.  Von einem Grand-Slam Champion  erwartet man, dass er das technische und athletische Niveau – aber auch sein vorbildliches Verhalten auf Dauer halten kann. Er sollte Verantwortung sich selbst und den Fans gegenüber übernehmen und sich seiner Rolle als Vorbild bewusst sein.

Ein ungewöhnliches Vorbild – und ständig unter Druck

Zhang Jike ist ein Grand-Slam Champion, aber er passt nicht in diese Schubladen. Er verliert die Kontrolle, wird missverstanden für sein Verantwortungsgefühl und es gibt vielfältige Zweifel an seiner Person, sowie sportliche Kritik. Gerade in diesem Jahr stand er wieder im Fokus der Kritiker, als er im Team WM Finale 2014 gegen Dimitrij Ovtcharov verlor. Sein fehlender Einsatz und Kampfgeist ließ an seiner Verantwortung und seinem Ehrgeiz zweifeln.

Die Team WM ist eine der wichtigsten Veranstaltungen für die Tischtennismacht China, und Zhang Jike erlitt eine Niederlage. Schlimmer noch: Im Finale, und gegen einen Nicht-Chinesen. Beim hohen Konkurrenzdruck innerhalb der chinesischen Nationalmannschaft setzte diese Niederlage den Weltmeister unter einen immensen Druck, sich beweisen zu müssen. In der Super League gelang ihm das zumindest Ansatzweise, als er sein Team Shandong zur Meisterschaft führte. Dabei gelang ihm die Revanche gegen Ovtcharov, den Zhang Jike in einem epischen Match besiegte. Er lag zunächst 0-4 im Entscheidungssatz zurück, punktete dann aber 7 Mal in Folge und sicherte sich den Satz und den Sieg. Angesichts einer großen Herausforderung zeigte Zhang Jike seine beste Leistung, dennoch war Chefcoach Liu Guoliang nicht überzeugt von der Leistung seines Schützlings. Seiner Einschätzung nach waren Zhang Jike und Ovtcharov auf exakt gleichem Niveau und der Sieg des Chinesen war eher Zufall als große Leistung.

Eine neue Chance – Der Men’s World Cup

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Ein hochspannendes Halbfinale : Zhang Jike vs. Timo Boll

Sein Auftritt beim Men’s World Cup in Düsseldorf war für Zhang Jike also wieder eine große Gelegenheit die Kritiker verstummen zu lassen. Die Größe des World Cups, verbunden mit der Verwendung der neuen Plastikbälle und der Nominierung von Ma Long erhöhten den Druck und die Wichtigkeit des World Cups für Zhang Jike ohnehin noch weiter. Im Turnierverlauf traf er auf einen starken Timo Boll, der zusätzlich das heimische Publikum im Rücken hatte. Doch Zhang Jike hielt stand, bezwang den Deutschen knapp im Entscheidungssatz und ermöglichte das Duell, auf das er gewartet hatte: Das Finale gegen Ma Long.

Sein Mannschaftskollege und Erzrivale hatte die bessere Bilanz zwischen den Beiden und selbst Zhang Jikes Weltmeisterschafts und Olympiatitel waren stets mit einem kleinen Fragezeichen versehen, denn bei all diesen großen Siegen traf er im Turnierverlauf nie auf Ma Long. Dieses Duell der Meister wurde in der Tischtenniswelt also lange erwartet. Wir können also verstehen, unter welchem Erwartungsdruck Zhang Jike in diesem Spiel stehen musste. Das Spiel verlief erwartet hochklassig, eine Entscheidung fiel erst in der Verlängerung des siebten Satzes.

Fehltritt oder pure Emotion?

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Zhang jike machte seinem Frust Luft

Nach der Verwandlung des Matchballes brach sich der Druck in Zhang Jike schließlich Bahn, unkontrolliert trat er gegen zwei Umrandungen, die daraufhin zerbrachen. Das Publikum reagierte geschockt, der Applaus verebbte, vereinzelt hörte man „Buh“ Rufe von den Rängen. Niemand wusste die Wut von Zhang Jike genau einzuschätzen.

Die ITTF reagierte ebenfalls prompt. Die Umrandungen mit dem Logo ihres Sponsors wurden vor laufender Kamera zerstört. Zhang Jike durfte zwar den Titel als World Cup Champion behalten, sein 45.000 US Dollar Preisgeld wurde ihm jedoch aberkannt. Auch eine schnelle, öffentliche Entschuldigung des Champions half nicht mehr viel: Im Internet wurde bereits eifrig diskutiert und  kritisiert.

 

 

 

 

Im Nachgang

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Einzigartig und „anders“.

Zhang Jike suchte seinen Ausbruch im psychischen Druck zu erklären, entschuldigte sich aber gleichzeitig bei Fans und Sponsoren für seinen unkontrollierten Auftritt.

Damit schaffte er es also zum Xten Mal im Rampenlicht zu stehen, sein Auftritt polarisert und fasziniert gleichermaßen. Sein langjähriger Coach Xiao Zhan sprang ihm zur Seite: Er erklärte, er werde immer an Zhang Jike glauben, denn es gibt einen Grund an ihn zu glauben (gemeint ist sein Erfolg). Dennoch gab auch er zu, dass Verhalten seines Spielers exzessiv war und warb um Verständnis.

a true star

Ein echter Star

Chefcoach Liu Guoliang erklärte er sei geschockt und schäme sich für das Verhalten Zhang Jikes und stellte disziplinarische Maßnahmen in Aussicht, die seinem Spieler helfen sollen, sich besser unter Kontrolle zu haben. Disziplinarische Maßnahmen, der Begriff ist Zhang Jike nicht unbekannt. 2004 wurde er bereits aus disziplinarischen Gründen aus der Nationalmannschaft gestrichen und wieder zu seinem Provinzteam in Shandong geschickt. Nach seinem Comeback zwei Jahre später wurde er 2009 schließlich erneut ausgeschlossen, wegen respektlosen Verhaltens seinem Trainer gegenüber. Jikes Vater, Zhang Zhuanming teilte die Auffassung Guoliangs und erklärte er sei „enttäuscht“ vom Verhalten seines Sohnes.

Trotz der familiären und sportlichen Kritik gab es immer wieder Unterstützer, die sein Verhalten zu erklären versuchten. So z.B. der deutsche Dimitrij Ovtcharov. Er bat das Publikum um Verständnis und gab zu Bedenken, das niemand beleidigt oder verletzt wurde. Auch Jörg Rosskopf stimmte zu und nannte die Höhe der Strafe „lächerlich“. Auch im Marketing der ITTF ist man der Auffassung, dass Zhang Jikes Fehlverhalten dem Sport vor allem Schlagzeilen beschert hat, die er sonst selten bekommt. Nach dem Grundsatz: Auch negative Promotion ist Promotion wird sein exzentrischer Charakter als positive Erscheinung im eher braven Tischtennis gesehen.

Zbang Jike mag nicht jedem passen, aber er ist unbestritten Weltmeister, Olympiasieger und World Cup Sieger, einer der besten Tischtennisspieler seiner Zeit, vielleicht aller Zeiten. Sollte er den Grand-Slam (Olympia, Weltmeisterschaften, World Cup) ein zweites Mal schaffen, wäre er der erste Spieler überhaupt, dem dies gelingt. Zhang Jike schreckt nicht vor Kritik zurück, er stellt sich ihr und zieht aus dem mentalen Druck seine besondere Stärke und seinen Willen, hart an sich zu arbeiten. Er zögert dabei nicht, dem Publikum auch andere Seiten seiner Persönlichkeit zu zeigen und dem Tischtennis ein anderes Gesicht zu geben. Seine Erfolge und seine Persönlichkeit überraschen und begeistern uns immer wieder. Ein echter Tischtennis  Rockstar.

 

Über den Autor

Seb

Sebastian begann mit dem Tischtennissport mit 11 Jahren und schaffte es bis in die 5. deutsche Liga. Aktiv im Profisport ist er dennoch: Seit 2011 arbeitet Sebastian als TV-Kommentator für die ITTF und berichtet Live von den großen internationalen Turnieren. Seit 2014 ist er Teil des Butterfly-Teams und arbeitet im Export und Marketing als Übersetzer und Lektor.

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