Über 5 Jahre „Tenergy“ – Grund genug der revolutionären Belagserie eine umfassende Betrachtung zu widmen. Warum Tenergy? Wie entstand Tenergy?

„Nicht ohne meinen Tenergy“

Tenergy_red_black_twins_smallNie zuvor hat es eine Belagfamilie geschafft, Spieler auf der ganzen Welt derartig in ihren Bann zu ziehen wie diese Innovation, die in Form des TENERGY 05 am 21. April 2008 erstmals auf den Markt kam. Nach über 20-jähriger Forschungstätigkeit.

Ihr ursprünglicher Auftrag war es, das Spiel der Butterfly-Topspieler auch ohne Frischkleben druckvoll und gefährlich genug für die Weltspitze zu halten – doch sollte sie das moderne Offensivspiel grundlegend und weltweit verändern.

Denn nicht nur Profis, auch Amateure fühlten sich schon bald wie magisch von den Qualitäten der Tenergy-Beläge angezogen; begünstigten sie bei guter Schlagtechnik doch eine Spielweise, von der viele glaubten, dass sie eigentlich nur von Profis routinemässig umsetzbar sei. Überrissene Topspins mit hoher Treffsicherheit gegenziehen. Rückhand-Topspins über dem Tisch spielen oder kurze Aufschläge mit der Chiquita-Technik retournieren – das alles sieht man heute auch im Amateurbereich in großer Breite wie selbstverständlich umgesetzt.

Tenergy_Nutzung_WM2014_DiagrammVielleicht liegt die schnelle und anhaltende Popularität von Tenergy nicht zuletzt hierin begründet.

Weltweit erfreuen sich die Belagmodelle der Tenergy-Serie bis heute einer enormen Nutzung. Bereits bei der WM in Dortmund spielten von 799 WM-TeilnehmerInnen 53% einen Tenergy.

Wie die Grafik zeigt, hat sich dieses  Bild auch auf den letzten Weltmeisterschaften, 2014, kaum verändert.

Doch der Reihe nach.

 

Frischkleben – und wie alles begann

Alles begann in den früheren 80er Jahren mit der intensiven Forschung nach möglichen Impulsen, die den Ball-Absprung verstärken können. Denn schon damals zeichnete sich ein wachsendes Bedürfnis nach Belägen mit viel mehr Tempo und Rotation ab.

Die Entdeckung des Frischklebens („Speed Gluing“) durch Tibor Klampar in den 70er Jahren beschleunigte diese Tendenz. Vor allem als Klampar, Gergely und Jonyer 1979 für Ungarn den Weltmeistertitel errangen, geriet das Frischkleben noch stärker in den Mittelpunkt des breiten Interesses und wurde in den 80ern weltweit populär.

Wenige Jahre später kündigte die ITTF an, das Frischkleben zu untersagen. Zwar verschob der Weltverband diese Ankündigung 1994 wieder — nicht aber die Butterfly-Entwickler ihre Forschung nach Belägen mit „wie frischgeklebt“-Eigenschaften. Im Gegenteil: Die Forschung erhielt daraufhin eine noch höhere Dringlichkeit. Diese Beharrlichkeit sollte belohnt werden.

3 einzigartige Technologien – 4 außergewöhnliche Grundeigenschaften

HighTension_smallDer Weg, Tempo und Rotation auch ohne FRISCHKLEBEN zu erzeugen, bestimmte viele Jahre Forschung wie Management. Dabei wurden 3 bahnbrechende Technologien entwickelt, an deren steten Optimierung kontinuierlich weiter gearbeitet wird:

  1. High Tension
  2. Spring Sponge
  3. einzigartige Noppen-Strukturen

SpringSponge_smallIm Zusammenspiel erzeugen diese Technologien die 4 außergewöhnlichen Grundeigenschaften von Tenergy-Belägen. Sie sind nachweisbar in Technikstudien und spürbar im Spiel:

  • Griffigkeit
  • Geschwindigkeit
  • Rotation
  • Flugkurve

 

High Tension

Hitoshi YAMAZAKI aus dem damaligen Butterfly-Entwicklerteam erinnert sich:

Zunächst haben wir den chemikalischen Vorgang analysiert, warum genau der Belag durch das Frischkleben mehr Rotation und Geschwindigkeit erhält. Das war vergleichsweise schnell herausgefunden: Es versetzt den Belag unter eine höhere Spannung und verleiht ihm mehr Elastizität – das große Problem lag vielmehr darin, wie der Belag dabei stabil und reissfest bleibt. Denn je mehr man die Spannung verstärkt, desto schlechter die Qualität, insbesondere die Reißfestigkeit.

Allein diese Herausforderung hat Butterfly über 7 Jahre lang beschäftigt, bis die Lösung dafür gefunden war: HIGH TENSION.

Hightension_Trampolin_small

High Tension bewirkt eine Straffung, die zu extremer Spannung führt

Mit dieser Innovation gelang es, Belagoberfläche und Schwamm unter maximale Spannung zu setzen und die Energie des gegnerischen Balles in eigene umzuwandeln. Denn die Straffung des Materials verstärkt die Rückstoss-Energie. Wie bei einem Trampolin – abstrakt veranschaulicht. Denn ganz konkret wird die Spannung nicht auf mechanischem, sondern auf chemikalischem Weg erzeugt.

Im Ergebnis bewiesen High Tension Beläge nachweisbar eine viel höhere Spannung als klassische Beläge – ohne dabei an Qualität einzubüssen.

Bereits 1997 kam als erster Belag mit dieser Technologie der ‚Bryce’ auf den Markt, der sehr beliebt wurde. Auch 2003 spielte Werner Schlager (AUT) mit diesem Belag, als er Weltmeister im Herren-Einzel in Paris wurde.

2007 folgte der ‚Bryce Speed’, der eine doppelt so hohe Spannung wie der ‚Bryce’ aufwies und aufgrund der enormen Tempo-Entwicklung für lange Zeit der bevorzugte Vorhand-Belag zum Beispiel von Michael Maze (DEN) war. Auch 2009 im Endspiel der Einzel-Europameisterschaften gegen eben jenen Werner Schlager.

„Doch gegenüber diesen ersten HighTension-Belägen konnten wir bei denen der Tenergy-Serie eine Spannung messen, die nochmals um 300% höher ist“, freut sich Yamazaki. „Besonders stolz hat es uns gemacht, dass die Eigenschaften von Tenergy-Belägen nach Meinung der Testspieler – trotz der enormen Straffung – spürbar länger auf ihrem höchstem Niveau bleiben als die von anderen Belägen und höchste Reißfestigkeit aufweisen.“

 

Spring Sponge

Butterfly Forschungs-Team

Butterfly Forschungs-Team

Ein wichtiger Faktor für die erfolgreiche Entwicklung der Tenergy-Serie  war die Entdeckung der SPRING SPONGE-Schwammtechnologie. Doch was sich heute so schnell dahinsagt, bedingte eine Vorlaufzeit von ca. 10 Forschungsjahren mit gewaltigen Investitionen. Voraussetzung dafür war die konsequente Verlagerung des Forschungsschwerpunktes auf den Schwamm. Denn bis zur Entwicklung des ersten High Tension-Belages lag der Fokus auf dem Obergummi.

Der Vater des Gedankens: Griffigkeit ergibt sich aus einer möglichst langen Kontaktzeit bei der Berührung des Balles mit dem Belag. Ergo: Je tiefer sich ein Ball in einen Schwamm hineinbohrt, desto länger braucht er auch wieder hinaus – und entsprechend länger die Ballkontaktzeit. Diese Überlegung schien zwangsweise zu einem Schwamm zu führen, der zumindest eines sein muss: weich.

Das Problem dabei: Je weicher ein Schwamm, desto besser zwar die Kontrolle – aber umso geringer auch dessen Rückstossenergie. Somit schien es darum zu gehen, einen Schwamm zu erschaffen, der trotz weicher Konsistenz Rückstossenergie erzeugt. Doch man wollte sich in der Theorie auch nicht zu sehr einengen und ließ neben dieser Logik auch ganz andere Ansätze zu. Beispielsweise:

„Was könnte die Wirkung eines Schwammes verbessern außer dessen Stärke oder Konsistenz?“

Um das Ergebnis vorwegzunehmen: Nach vielen Misserfolgen wies die Kreation eines ganz bestimmten Schwamm-Modelles auf die Lücke in der Logik hin. Denn dieser Schwamm produzierte in extremem Maße Rückstoss  – war aber weder weich noch tief. Wie konnte das sein?

Yuichi TSUCHIYA aus dem damaligen Forschungsteam erklärt:

SpringSponge-Effekt

Spring Sponge Effekt

Beläge mit gewöhnlichem Schwamm schlucken die Energie des Balles wie eine Matratze ohne Federn – sodass der Ball nur so viel Rückstoss erhält wie ein Spieler ihm geben kann. Ganz anders dieser revolutionäre Schwamm. Denn die großen Luftblasen – oder nennen wir sie gewebefreie Zellen – in seinem Innern machen ihn hochelastisch. Während sich der Ball beim Aufprall in Oberfläche und Schwamm gräbt, spannt sich das Gewebe wie durch SPRUNGFEDERN – sodass der Ball sofort mit einem starken Rückstoss wieder abspringt! Deshalb erhielt er den Namen SPRING Sponge – das Baby war geboren.

Doch getreu dem Motto „Vater werden ist nicht schwer, Vater sein dagegen sehr“, führte der Versuch, diesen Schwamm in Masse herzustellen, an viele Grenzen. Und zu der ernüchternden Erkenntnis,  dass dies nur bei Investition in neue, gänzlich verschiedene industrielle Anlagen möglich ist.

„Im Nachhinein sollten sich die Investitionen gelohnt haben“, führt Tsuchiya weiter aus, „denn dank unablässigen Verbesserung der Anlagen können wir heute beispielsweise die Größe der Luftblasen in 0,1 mm-Schritten kontrollieren. Und die Technik ermöglicht eine fortgesetzte Forschung & Entwicklung, um die vielen weiteren Optimierungspotenziale weiter auszuschöpfen.“

 

Zu früh gefreut? Die Noppenstrukturen …

pimples_structure_smallErzeugte der neue Spring Sponge-Schwamm an sich auch einen traumhaften Effekt, so schien sich die Verbindung mit einem Obergummi nach der ersten Forschungsperiode zu einem Alptraum zu entwickeln.

Warum? Weil all jene Kombinationen aus Noppen-HÖHE, -DURCHMESSER und –ABSTAND, die sich bis dahin über Jahrzehnte bewiesen hatten, auf dem SpringSponge-Schwamm nicht die gewünschte Wirkung zeigten. Jeder weiß, wie viel Überwindung es manchmal braucht, sich von Erfolgreichem zu trennen und sich gegen Bauernregeln wie „Never change a winning horse“ zu verhalten. Doch genau darum ging es — hier war Umdenken gefragt.

Pimples_Tenergy64_smallNach Entwicklung und Test von über 100 verschiedenen Noppenstrukturen war die Überraschung im Forschungsteam groß. Denn mit den ersten 4 Tenergy-Modellen (05, 64, 80, 25) zeigten letztendlich ausgerechnet solche Kombinationen besondere Wirkung, die Jahre zuvor bereits als „wirkungsschwach“ verworfen wurden.

Zur Verwunderung des Forschungsteams traf die Begeisterung bei den Testspielern des „Butterfly Advisory Staff“ nicht durchgängig auf Gegenliebe, waren sogar sehr geteilt. Darunter immerhin Topstars wie Timo Boll, Jun Mizutani, Werner Schlager und andere. Doch bewahrte Teamleiter Masamichi KUBO die Ruhe und die Übersicht:

„Zu diesem Zeitpunkt war das Frischkleben noch erlaubt. Direkt aus dem Wettkampfbetrieb herausgerissen fällt die Beurteilung natürlich nicht so leicht. Das machte die Reaktionen verständlicher – doch, zugegeben, drückte deren Befund unsere Stimmung schon sehr, angesichts der hohen Investitionen (lacht). Glücklicherweise haben wir uns nicht vom eingeschlagenen Weg abbringen lassen“.

Später haben fast alle vormals kritischen Testspieler ihr Urteil nicht nur revidiert. Sie waren sich zur Freude der Entwickler auch darüber einig, dass die Eigenschaften von Tenergy-Belägen — trotz der enormen Straffung — spürbar länger auf ihrem hohen Niveau bleiben als die anderer Beläge.

„All About Tenergy – der Film“

Im zweiten und letzten Teil widmen wir uns intensiv den Fragen:

Welcher Tenergy hat welche Besonderheiten?
Worin unterscheiden sie sich?
Welcher Tenergy ist für dein Spiel am besten?

Doch um  nicht übertrieben auf die Folter zu spannen  hier schon mal „das Video zum Artikel“ mit Timo Boll und Jun Mizutani, das die obigen Fragen zusammenfassend behandelt. Viel Spass damit!

 

 

 

 

 

Über den Autor

Manabu

Manabu Nakagawa ist Redakteur und Herausgeber des „Table Tennis Report”. Das japanische Magazin wurde von Hikosuke Tamasu (dem Gründer von Tamasu Co.) gegründet. Manabu begleitet das beliebte Magazin mit 60 jähriger Tradition seit 25 Jahren und bereist viele Länder, um von hochkarätigen Turnieren wie den olympischen Spielen oder der Weltmeisterschaft zu berichten. Dabei übernimmt er vielseitige Aufgaben, kümmert sich um Reportagen, Fotos und Interviews mit den Topspielern, zu denen er ein freundschaftliches Verhältnis pflegt.

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