Um 18:40 hat mein Flugzeug endlich wieder Bodenkontakt, ich bin am Flughafen Frankfurt. 30 Minuten zu früh – dennoch war es ein 12 Stunden Flug. 12 Stunden, in denen ich Zeit finden konnte über die WM nachzudenken.

Was hat sich geändert – was gibt es neues im Spitzentischtennis?

Mu Zi (CHN)

Mu Zi (CHN)

Sowohl bei den Damen als auch bei den Herren gab es 4 Chinesen in den Halbfinals.. mit Li Xiaoxia, Liu Shiwen und Ding Ning haben die drei „großen“ es unter sich ausgespielt. Interessant ist die Nummer 4, Mu Zi, die mit kurzen Noppen auf der Rückhand agiert, sehr beweglich ist und mit den Noppen ihre Gegner oft zur Vorwärts/rückwärts Bewegung zwingt. Ähnlich wie vielleicht die 14-jährige Mima Ito (JPN), die ebenfalls oft das Tempo mit der Rückhand variiert.

Gut möglich, dass wir hier einen Trend erleben, als Alternative zum beidseitigen Topspinspiel, wie es Ding Ning und Liu Shiwen im Finale gezeigt haben. Ebenfalls schön zu sehen: Die Abwehr lebt! Ob mit kurzen Noppen (Wu Yang) oder langen Noppen (Tatyana Bilenko), das Abwehrspiel ist nach wie vor erfolgreich im Tischtennis.

Und bei den Herren?

Weltmeister: Ma Long (CHN)

Weltmeister: Ma Long (CHN)

Ma Long konnte sich endlich die Krone aufsetzen und löst Zhang Jike als Weltmeister ab. Im rein chinesischen Halbfinale konnte man zwei Spielsysteme unterscheiden: Auf der einen Seite Zhang Jike und Fan Zhendong, beidseitig ausgeprägt und Rückhand-basiert, auf der Anderen Ma Long und Fang Bo. ebenfalls beidseitig, aber wesentlich Vorhand-lastiger. Hier wird oft die Rückhand umlaufen, um die Vorhand mit voller Wucht zum Einsatz zu bringen. 2015 war Ma Long einfach „dran“, aber ich will nicht ausschließen, dass in Zukunft Zhang Jike oder Fan Zhendong zurückschlagen werden. Der Rückhand Rückschlag („Chiqita„) hat noch weiter an Bedeutung gewonnen – und als Antwort darauf rückt der lange Aufschlag wieder mehr in den Fokus.

Deutschland mit den starken Timo Boll, Dimitrij Ovtcharov und auch Patrick Franziska, der hier eine fantastische WM gespielt hat, sowie Japan mit Mizutani, Koki Niwa und Kenta Matsudaira, lauern weiter darauf China einen Titel abzuringen. Und mit Korea hat hier eine Generation an Spielern auf sich aufmerksam gemacht, die sicherlich noch Luft nach oben hat – Lee Sang Su zb. Ebenfalls ein Auge sollten wir auf die Portugiesen, Hongkong-Chinesen und den Brasilianer Hugo Calderano werfen – mit hoffnungsvollem Blick in die Zukunft.

prause5

Euer Richie

Wichtig dabei ist es aus den Niederlagen weiter zu lernen und sich weiter zu entwickeln. Allein schneller zu spielen kann nicht die Lösung sein, Variationen und Tempowechsel erscheinen mir als die bessere Alternative für die Zukunft.

Auch der Plastikball hat die WM erfolgreich absolviert. Etwas weniger Spin und Geschwindigkeit ermöglichen auch den tiefer platzierten Spielern, die Topstars zu attackieren, auch wenn die ganz großen Überraschungen oder gar Sensationen hier ausgeblieben sind. Die Umstellung auf den Plastikball hat die Athletik im Tischtennis entscheidend verändert. Die Spieler müssen mehr „arbeiten“ um einen Punkt zu bekommen, was wiederum die Grundvoraussetzung an die Athletik der Spieler beeinflusst. Diese Forderung steht schon länger im Raum, hat jetzt aber durch den neuen Ball erneut an Bedeutung gewonnen.

Tischtennis bleibt wie es ist – eben alles „anders“.

Euer Richie

 

Über den Autor

Richard

Seit er mit 12 zum Tischtennis kam, lässt unsere Sportart ihn nicht mehr los. Erst als langjähriger Nationalspieler und später in logischer Folge als Trainer gibt er sein Wissen und Erfahrung an seine Spieler weiter. Zwischen 2000 und 2004 als Damen-Nationaltrainer und von 2004 bis 2010 als Herren-Nationaltrainer war er maßgeblich an den Erfolgen von Timo Boll und Co beteiligt. Seit 2010 arbeitet er als Headcoach an der Werner Schlager Academy und arbeitet hier auch als Experte für die ITTF. Schon viele Jahre gehört er zur Butterfly Familie und freut sich, zusammen mit Butterfly, den Tischtennissport weiter zu entwickeln.

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