Die ersten European Games in Baku hatten als Turnier ihren eigenen Charakter und boten so manche Überraschung. Ich durfte dabei sein, was bekanntlich „alles“ ist. Hier schonmal ein kurzes Fazit und mein Eindruck rein vom Ergebnis her.

Gold für Li Jiao im Damen-Einzel

In einem rein niederländischen Finale setzte sich LI Jiao gegen LI Jie durch. Nach der Silbermedallie mit der Mannschaft konnten sich beide Spielerinnen auch im Einzel bis ins Finale spielen, in dem die routinierte LI Jiao sich recht sicher gegen ihre Mannschaftskollegin durchsetzten konnte.

Li Jiao zu Besuch im Butterfly Store Moers

Li Jiao zu Besuch im Butterfly Store Moers

Die 42-jährige Linkshänderin und aktuelle Nummer 35 der Welt siegte klar mit 4:0. Somit geht eine Penholder-Spielerin als Siegerin der ersten Euro Games in die Annalen ein.

Eva ODOROVA war aus meiner Sicht die Überraschung der Turniers. Mit tollen Matches konnte sie sich bis ins Halbfinale spielen, musste hier aber die Überlegenheit LI Jiaos anerkennen —und im Spiel um Bronze auch die von Melek HU.

Besondere Spannung und großartiger Sport im Herren-Einzel

Was würde nach der krankheitsbedingten Absage Timo Bolls mit den verbliebenen Favoriten um Dimitrij Ovtcharov, Freitas und Samsonov geschehen? Wer würde sich durchsetzen?

Einige Spieler aus Nationen, die keine Mannschaft stellen konnten, schafften es  im Einzel nachdrücklich auf sich aufmerksam zu machen. Neben den Engländern Pitchford und auch Drinkhall, der gegen Marcos Freitas im Viertelfinale gewann, galt dies vor allem für Kou Lei, der sich die Bronzemedaille sichern konnte.

Im Finale standen sich dann letztlich zwei der großen Favoriten gegenüber. Dimitrij Ovtcharov und Vladimir Samsonov.
Aus meiner Sicht ein hoch spannendes Spiel, bei dem sich beide immer wieder die Führung abnehmen konnten: 2:0 für Samsonov, dann Satzausgleich  und 9:7 Führung für Ovtcharov. Dann ging letztlich doch der fünfte Satz an Samsonov, bevor Dimitrij Ovtcharov am Ende ganz knapp mit 11:8 im 7. Satz die Partie für sich entscheiden — und sich damit auch die Goldmedaille sichern konnte.

Auch dieses spannende Duell um das Rio-Ticket sehe ich mir gerne nochmal an:

 

Kontrovers, dennoch sehenswert: der Team-Wettbewerb

Im Halbfinale standen bei  den Herren mit Portugal, Österreich und Deutschland drei Mannschaften, die man im Vorfeld durchaus dort erwarten durfte. Etwas überraschend vielleicht der Final-Einzug der Franzosen, die im Viertelfinale Weißrussland mit Samsonov ausschalteten und auch das Halbfinale nicht als Endstation akzeptierten. Angeführt von Lebesson schlug Frankreich Deutschland  mit 3:2. Eine kleine Sensation?

Sicherlich eine Überraschung, doch scheiterte Deutschland nicht nur an den beherzt aufspielenden Franzosen, sondern auch am unsäglichen System, das den Einsatz eines Ersatzspielers nicht erlaubt. So musste Deutschland  auf Timo Boll verzichten, der sich mit einem Magen Darm Virus herumplagte. Gegen  Schweden langte dies noch, um mit 3:2  zu gewinnen. Gegen Frankreich aber nicht mehr, denn Lebesson konnte im alles entscheidenden Einzel gegen Dimitrij Ovtcharov mit 3:1 gewinnen. Damit stand Frankreich im Finale gegen Portugal, das Österreich mit 3:1 besiegen konnte.

Vor diesem Hintergrund auch der Aufruf meinerseits, in diesem System endlich einen Ersatzspieler zuzulassen !

Verdiente Krone für Portugals Herren auch in Baku

Auch im Finale setzte sich Portugal mit 3:1 sicher gegen Frankreich urch. Neben Freitas und Apolonia wurde Geraldo eingesetzt, der mit Siegen gegen Crisan, Fegerl und im Finale gegen Mattenet, aufhorchen ließ. Er hat mir wirklich gut gefallen und ich denke, dass er auf einem richtig guten Weg ist.

Hier die Final-Begegnung in voller Länge:

Müßig zu diskutieren wie ein Finale gegen Deutschland ausgegangen wäre, aber ich bin sicher, dass wir ein solches Finale noch sehen werden. Vielleicht schon bei den nächsten Euros in Ekaterinenburg.

 

Glückwunsch an die deutschen Damen zu einer tollen Entwicklung

Deutschland gewann im Finale gegen die Niederlande —nach den Europameisterschaften in Lissabon — seinen zweiten  großen europäische Mannschaftstitel und bestätigte erneut die tolle Entwicklung. Mit den Niederlanden stand Deutschland eine Mannschaft auf Augenhöhe gegenüber. Letztlich war der Sieg im Doppel von Shan/Solja gegen Li jao/ Britt Erland quasi die  Vorentscheidung.

Gratulation an Deutschland und schön zu sehen dass beide Mannschaften neben ihren Führungsspielerinnen mit Peti Solja und Britt Erland auch über zwei sehr junge entwicklungsfähige Spielerinnen mit großen Potential verfügen, die hier sicher wertvolle Erfahrungen sammeln konnten.

 

Die Euro Games und die Zukunft

Während einige andere Sportarten oft nur ein Juniorteam nach Baku entsandten, waren im Tischtennis auch die Topathleten am Start. Die Idee der Euro Games finde ich gut. Bei der Terminvielfalt der heutigen Sportlandschaften wird es sicher nicht einfach, einen Termin zu finden, der allen Sportarten gerecht werden kann.

Richard Prause

Richard Prause

Trotzdem würde ich mir wüschen dass die Euro Games ähnlich wie in Asien eine Chance bekommen sich zu einem Traditionswettbewerb  entwickeln.

Die Zukunft wird zeigen ob man alle Interessen unter einem Hut vereinen können wird.

Viele Grüße aus Baku sendet
Euer Richard

Über den Autor

Richard

Seit er mit 12 zum Tischtennis kam, lässt unsere Sportart ihn nicht mehr los. Erst als langjähriger Nationalspieler und später in logischer Folge als Trainer gibt er sein Wissen und Erfahrung an seine Spieler weiter. Zwischen 2000 und 2004 als Damen-Nationaltrainer und von 2004 bis 2010 als Herren-Nationaltrainer war er maßgeblich an den Erfolgen von Timo Boll und Co beteiligt. Seit 2010 arbeitet er als Headcoach an der Werner Schlager Academy und arbeitet hier auch als Experte für die ITTF. Schon viele Jahre gehört er zur Butterfly Familie und freut sich, zusammen mit Butterfly, den Tischtennissport weiter zu entwickeln.

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