Spricht man über modernes Abwehrtischtennis, dann kommt sofort der Name Joo Saehyuk ins Spiel. Wie verlief die Karriere dieses aussergewöhnlichen Spielers aus Südkorea?

editorial von tabletennista.com | adaptiert von Sebastian Hallen

Aller Anfang..

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Joo in defensive posture

Am 20.01.1980 wurde in Seoul, Südkorea Joo (sein Nachname) Saehyuk geboren. Bereits früh kam er mit dem Tischtennissport in Kontakt und früh zeigte sich sein Talent zum Abwehrspiel. Der nahtlose Übergang zwischen solidem Abwehrspiel und technisch sauberen Topspinangriffen wurde schnell zu seinem Markenzeichen. Die erste öffentliche Aufmerksamkeit errang er mit 17, als er begann an internationalen Turnieren teilzunehmen, beispielsweise war er im Aufgebot der koreanischen Nationalmannschaft bei den Asian Youth Championships – er gewann sofort den Titel mit der Mannschaft und stieg auch im Einzel bis aufs Siegerpodest. Im Jahr 2001 gelang ihm dann der erste größere Erfolg auf internationaler Ebene – der Zweite Platz bei den Japan Open.

Der Durchbruch..

Joo etablierte sich im internationalen Geschäft und war schnell unter den besten Spielern der Welt. Der richtig große Erfolg seiner Karriere kam jedoch erst im Jahr 2003 bei der Weltmeisterschaft in Paris.

Eines der vielen Highlights auf diesem Turnier war mit Sicherheit das Match gegen China’s MA Lin im Viertelfinale. Das spektakuläre Spiel endete denkbar knapp mit 4:3 (13-11, 10-12, 8-11, 11-9, 6-11, 11-8, 11-9) für den Südkoreaner. Hier nocheinmal das nervenpackende Viertelfinale in voller Länge zum Mitfiebern:

Der Nationaltrainer Chinas bemerkte früh, das Ma Lin unter ungewöhnlich hohem Druck stand, zumal er der letzte Vertreter seiner Nation im unteren Turnierfeld war. Durch diesen Druck spielte Ma anfangs zögerlich und ohne die nötige mentale Stärke, was Joo Saehyuk sofort bemerkte. Diese Chance wusste er zu nutzen.

“Der Gegner war stark und spielte unheimlich gute Angriffsbälle. Es wurde früh klar, dass sich Joo mehr zutraute als Ma Lin, selbst als eher auf Sicherheit bedachter Defensivspieler riskierte er viel mehr.“ gab Chefcoach Liu Guoliang zu bedenken.

Neben Ma Lin bezwang Joo der Reihe nach Spieler, die als eigentlich sicher und besonders stark gegen Abwehr galten: Alexey Smirnov, Li Ching, Chuang Chih-Yuan und nicht zuletzt Kalinikos Kreanga.

Werner Schlager - World Champion 2003

Werner Schlager – World Champion 2003

Er hatte sich endgültig in der Weltspitze etabliert. Doch obwohl Joo die Welle der Topspiele bis ins Finale reiten konnte, blieb ihm der finale Triumph dennoch verwehrt. Bekanntermaßen lieferte der Österreicher Werner Schlager eine taktische Glanzleistung gegen Joo ab und konnte den 23 Jährigen mit 4:2 bezwingen. Trotz seiner guten Leistung war Joo natürlich enttäuscht.

“Natürlich bin ich jetzt enttäuscht, aber gleichzeitig sehr stolz darauf das Finale erreicht zu haben.“ bemerkte Joo nach dem Finale und gratulierte Werner Schlager zum Sieg.

Die Jahre nach Paris

Weitere Höhepunkte folgten nach der Sensation in Paris – unter anderem persönlicher Natur. Am 14 April 2007 heiratete Joo seine langjährige Freundin in Gangnam, Seoul.

Auch auf sportlicher Ebene ging es vorwärts. Bei den Qatar und Kuwait Open lieferte Joo starke Leistungen ab und avancierte zu einem der Hauptkontrahenten für die Stars aus China, unter anderem durch seine Siege über Wang Liqin, Chen Qi und dem äußerst knappen Match gegen Wang Hao.

In China galt er zeitweise neben Timo Boll als die größte Gefahr für die Spieler aus dem Reich der Mitte. Gleichsam wurde er zum Vorbild einer ganzen Generation an jungen Abwehrspielern, die in Joo Saehyuk die Verkörperung des modernen Abwehrspiels sahen.

Eine kritische Diagnose

Fast zufällig kam bei einer Untersuchung seiner Knöchelverletzung 2009 eine folgenschwere Diagnose zu Tage. Bei Joo wurde Morbus Behcet festgestellt, eine seltene Erkrankung, die Entzündungen an verschiedenen Stellen des Körpers auslösen kann. Für die Krankheit gibt es keine Heilung, sie kann lediglich mit Hilfe von Medikamenten gelindert werden.

Trotz dieser Komplikationen bleibt Joo Saehyuk zielgerichtet und kämpft weiter für seinen sportlichen Erfolg – auch zukünftig. Mit Hilfe von Glukocortisoiden hält er die Krankheit in Schach.

“Ja, wenn sich die Probleme einstellen, muss ich Medikamente einnehmen – täglich. Manchmal kann ich dann gar nichts essen. Aber meinem Körper geht es jetzt besser, das wird mein Spiel nicht beeinflussen.“ gibt sich Joo kämpferisch.

 

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Joo in 2014

Wahrlich ist Joo einer der talentiertesten und am härtesten arbeitende Spieler im Tischtennissport. Selbt mit 35 Jahren is er noch sehr aktiv im internationalen Vergleich unterwegs, für die koreanische Nationalmannschaft. „Ich liebe den Sport sehr. Die Ergebnisse der jungen Koreanischen Spieler sind aktuell nicht das, was sie sein könnten. Ich werde versuchen ihnen zu helfen, wo ich kann“ fügt er hinzu.

Seine Mitstreiter gleichen Alters, namentlich Oh Sangeun und Ryu Seungmin haben bereits ihre aktive Karriere beendet, aber Joo sieht noch ein oder zwei erfolgversprechende Jahre vor sich. „Ich werde bei der WM 2016 auf jeden Fall antreten, ich bin mir nur bei der Einzelkonkurrenz noch nicht sicher.“ bemerkt Joo.

Und Olympia? „Nein, auf keinen Fall. Ich werde zu Olympia den jüngeren Spielern den Vortritt lassen. Sie verbessern sich stetig, während meine Leistung nachlässt.“

Joo Saehyuk hat bereits eine wunderbare Laufbahn hinter sich und gestaltet das moderne Tischtennisspiel nach wie vor aktiv mit. Und obwohl er nie einen der bedeutenden Titel (Weltmeister, World Cup Sieger, Olympiasieger) gewinnen konnte, so gehört er doch zu den ganz Großen im Tischtennissport und gilt als Vorbild für das moderne, defensive Spiel.

Joo spielt das Joo Saehyuk Holz mit konkavem Griff und verwendet den Tenergy 64 in 2.1 mm auf der Vorhand.

 

Über den Autor

Seb

Sebastian begann mit dem Tischtennissport mit 11 Jahren und schaffte es bis in die 5. deutsche Liga. Aktiv im Profisport ist er dennoch: Seit 2011 arbeitet Sebastian als TV-Kommentator für die ITTF und berichtet Live von den großen internationalen Turnieren. Seit 2014 ist er Teil des Butterfly-Teams und arbeitet im Export und Marketing als Übersetzer und Lektor.

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2 Kommentare

  1. René

    Wunderschöner Artikel über einen der ungewöhnlichsten und spektakulärsten TT-Spieler aller Zeiten. Hoffentlich kann er seine Krankheit kontrollieren und sorgt noch lange für sehenswerte Abwehrschlachten.

  2. El Bandolero

    Hola TT-amigos:

    Nicht jedem TT-Spieler ist es gegeben ein zwingend durchschlagendes Angriffs-Spiel aufzuziehen.
    Alternativ gibt es bei den Herren einige Abwehrspieler die gepaart mit überraschenden Stör-Angriffen auch mit dieser Spielanlage bis in die erweiterte Weltspitze vordringen können.

    Hierbei steht Joo Seehyuk an vorderster Stelle. Es ist doch toll mal zu sehen wie es mit giftigen Defensiv-Schlägen ( südkoreanische Abwehr-Schule ) möglich ist dem Angriff die Spitze zu brechen und mit einer guten Vorhand selbst zu punkten.

    Auch ich wünsche Joo gesundheitlich die bestmögliche Lösung.