Die Europameisterschaften sind vergangen — die Diskussionen können beginnen. Wir machen den Aufschlag und haben Richard Prause interviewt.

Mit welchen Augen hat der neue DTTB-Sportdirektor die Einzelwettbewerbe gesehen?

„Mit großer Spannung habe ich die Einzelwettbewerbe hier in Ekaterinenburg verfolgt. Wie würden sich die Deutschen Spielerinnen und Spieler nach den aufreibenden Mannschaftswettbewerben schlagen? Wie die anderen Nationen? Spannend auch nicht zuletzt deshalb, weil bei den Herren alle 4 Halbfinalisten im Team-Wettbewerb schon Niederlagen in den ersten Runden zu verdauen hatten.“

Überraschungen?

„Mit Gionis, Filus, LI Jie und Mikhailova erreichten auch vier  AbwehrspielerInnen das Viertelfinale bzw die Vorschlussrunde. Hier möchte ich nicht von Überraschungen sprechen, aber es ist schön zu sehen, dass das Abwehrspiel lebt, wenngleich deutlich mehr in der Allroundausprägung.

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Ricardo WALTHER

Mit Samsonov, Baum, Fegerl, Gauzy und Lebesson verabschiedeten sich vorzeitig einige Spieler, die eigentlich sehr hoch gehandelt wurden.

Und nicht nur durch seinen Sieg über Emmanuel LEBESSON bewies Ricardo WALTHER ein hohes Niveau und war eine echte Bereicherung.

Auch HAN Ying und SHAN Xiaona ereilte das Aus vorzeitig.

Muss man Lehren daraus ziehen?

„Mir drängte sich dabei die Frage auf, ob manche dieser Ergebnisse auch ein Tribut an sehr volle Wettkampkalender sein können. Auch bei der WM in Souzhou hatten mit Zhang Yike und Xu Xin zwei top Stars mit körperlichen Schwierigkeiten zu kämpfen.

Eine weitere Frage wird sein, ob möglicherweise auch die Umstellung auf den Plastikball höhere körperliche Anforderungen an die athletische Ausbildung stellt und Umgewichtungen erfordert.

Wie gefiel das Finale der Herren?

„Nicht überraschend, aber es war eine große Lust, die Finale mitanzusehen. Bei den Herren waren mit Apolonia, Freitas und, aus deutscher Sicht, Dimitrij OVTCHAROV drei der vier Topgesetzten im Halbfinale. Dazu gesellte sich noch Schwedens Aufschlagkünstler Per GERRELL, gegen den sich Marcos FREITAS mit einem knappen 4:3 durchsetzen konnte.

Dimitrij OVTCHAROV schlug Thiago APOLONIA mit 4:0, womit das Finale der Topgesetzten im Herreneinzels perfekt war.

Aus meiner Sicht sahen wir im Finale von Marcos und von Dimitrij ihr bestes Tischtennis. Vor allem die ersten drei Sätze waren hart umkämpft. Nach Dimitrijs 2:1 Führung bekam er die Partie immer besser in den Griff und sicherte sich mit großartigen Ballwechseln seinen zweiten Einzeltitel nach 2013. Also Grund genug, in ZHANG Jike-Manier aus der Box und auf das bereitgestellte Siegerpodest zu springen und den verdienten Applaus der 2000 Zuschauer entgegenzunehmen.“

Wie ist der Ausgang im Damen-Einzel zu sehen?

„Nun, mit Samara, Mikhailova, LI Jie und FU Yu wurden die Halbfinale ohne deutsche Beteiligung ausgespielt. Nach zwei Einzel-Medaillen in Schwechat hatten wir uns schon erhofft, auch am Finaltag im Dameneinzel vertreten zu sein. Obwohl wir sehr souverän den Team-Wettbewerb gewannen, bedeutet dies, dass wir noch an einigen individuellen Schwächen weiter arbeiten müssen. Und dass sich auch die anderen Nationen ihre Gedanken machen, wie sie uns schlagen können.

Elizabeta SAMARA - European Champion

Elizabeta SAMARA – European Champion

Daran müssen wir jetzt im Hinblick auf die WM und die olympischen Spiele arbeiten.

Das Finale zwischen Elizabeta SAMARA und LI Jie bot Spannung und tolles Tischtennis.

Samara hatte auf ihrem Weg dahin nur drei Sätze abgegeben. LI Jie aus den Niederlanden hatte da schon einiges mehr an Widerstand auf ihrem Weg in das Finale zu überwinden gehabt.

Vielleicht gab dies letztlich den Ausschlag, denn bis zum 3:2 sah LI Jie wie die sichere Siegerin aus.

Doch dann hatte Samara genug Reserven, um so richtig aufzudrehen und sich mit einem 4:3-Sieg ihren ersten Titel zu sichern.“

(ETTC 2015: Finale Damen-Einzel — SAMARA gg. LI Jie)

 

Zu früh für ein Fazit aus deutscher Sicht?

„Die EM hat sicher einige wertvolle Hinweise im Hinblick auf die Mannschafts-Weltmeisterschaften in Kuala Lumpur und auch die olympischen Spiele in Rio gebracht. Denen müssen wir nachgehen.

„Für uns sind Titelgewinne bei Europameisterschaften sicher keine Selbstläufer, aber  Deutschland ist in Europa die einzige Nation, die sowohl im Damen wie im Herrenteam Medaillen geholt hat und darauf können wir stolz sein. Sicher haben wir unsere Hausaufgaben zu machen, denn die anderen Nationen schlafen nicht. Aber ich denke wir sind gut gerüstet und werden aus diesen Europameisterschaften so einiges an Erkenntnissen mitnehmen, um die vor uns liegenden Aufgaben zu meistern.“

Über den Autor

Frank

Vom Kindergarten bis zur Uni stand er hochambitioniert am Tisch. Heute sitzt der Werbetexter und Japanisch-Übersetzer am Tisch – und setzt sich für das Online Marketing von Butterfly mit allen Themen auseinander, die die Tischtenniswelt bewegen.

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