Michael Maze, towel break

Michael Maze, towel break

Ob während Auszeiten, Handtuch- oder Satzpausen: Ohne Coach oder Mitspieler an der Seite fällt es nicht immer leicht, konzentriert zu bleiben, wenn ein Spiel zu kippen droht. Und mit bisweilen auch.

Wie programmiert man sich in solchen Situationen auf Sieg um?

Professor Yoji Yoshizawa kennt einige Antworten, die in diesen Artikel einflossen. Er ist ein Experte auf diesem Gebiet und Leiter der Abteilung für Sportmedizin und Psychologie an der JTTA.

So umfassen seine Aufgaben auch die Vorbereitung der japanischen Nationalmannschaft für Großveranstaltungen wie die Olympischen Spielen und Weltmeisterschaften.

„Schlüsselwörter“ und „Selbstgespräche“

Jeder kennt das: Wenn die Zeit abläuft und zu viele Gedanken gleichzeitig in den Kopf drängen, blockiert dies manchmal zu sehr, als dass man eigenes Fehlverhalten oder Schwächen des Gegners rechtzeitig und klar genug erkennt, um das Spiel noch zu drehen.

Prof. Dr. Yoshizawa

Prof. Dr. Yoshizawa

Zwei Techniken, die vielen  in dieser Situation helfen, seien hier vorgestellt:

„Schlüsselwörter“ und Selbstgespräche – „Self-Talk“.

Schlüsselwörter als „mentale Umschalter“ nutzen

Wenn wir in einem Spiel eine Serie von Fehlern machen oder unser Gegner eine starke Phase hat, neigen wir oft dazu den Überblick, die Geduld, den Siegeswillen zu verlieren und mit einer Jetzt geh ich einfach aufs Ganze – top oder flop!-Einstellung das Spiel zu Ende zu bringen.

Die Wahrscheinlichkeit, dass dies eine Negativserie beendet und zum Erfolg führt, ist gering. Was tun, wenn es einfach nicht gelingen will, in „unser Spiel“ (zurück) zu finden und das Blatt zu wenden, wenn kontraproduktive Gedanken aufdrängen die konstruktiven unterdrücken?

Zum Beispiel:

„Jetzt ist es eh zu spät!“
„Ich kann einfach auf diese Aufschläge nicht!“
„Gegen den hatte ich doch noch nie Probleme — wie peinlich!“
„Mist, wenn ich dies jetzt auch noch vergeige, können wir alle einpacken!“

Durch eine Reihe missglückter Versuche unser Spiel zu spielen, ist es zu dem Zeitpunkt, in dem wir unsere negative Mentalisierung erkennen, längst passiver und verhaltener geworden. Unbewusst haben wir uns zu verzagteren Schlägen und zu einem passiven Spielsystem entschieden, hoffen auf Fehler der GegnerInnen – und setzen in der eigenen Offensive eher auf den Mut der Verzweiflung als auf unser erfolgversprechendstes Spielkonzept.

Damit haben wir den Gegner bestätigt und bestärkt — in seiner Taktik wie in seiner Mentalisierung. Dadurch haben wir ihm Sicherheit geschenkt und es ihm leichter gemacht, riskante und aggressive Bälle zu spielen.

A. Mattenet

A. Mattenet

Schlüsselwörter mit konkreter Bedeutung belegen — und verinnerlichen

Eine gute Methode, besser damit umzugehen, ist die Nutzung einiger weniger „Schlüsselwörter“, die wir genau für diese Situationen verinnerlicht haben – und die uns an unsere eigenen Stereotypen erinnern. Seien es Schwächen oder Stärken.

Zwar werfen viele bei entsprechenden Spielständen mit ihnen eigenen Begriffen nur so um sich. Aber bei den meisten erschöpft sich die Mentalisierung im Denken oder Ausrufen dieser Begriffe — dienen lediglich dazu, sich Luft zu machen.

Allein für sich bewirken sie aber nur bei den Wenigsten etwas, weil sie gar keinen „Code“ in sich tragen, der eine Verhaltensänderung nach sich ziehen könnte! Drei oder vier dieser Schlüsselwörter und die Codes, die sie in sich tragen, sollte sich ein jeder erarbeiten.

Wenn wir dann nicht nur die Worte allein, sondern auch wenige komplette Sätze, für die die Begriffe stehen, ausformuliert und auswendig gelernt haben, gelingt es uns, die Blockierung durch die kontraproduktiven Gedanken aufzulösen und ihn für zielführende Gedanken frei zu halten.

Mattenet, towel break

Mattenet, towel break

Inhaltlich sind diese Schlüsselbegriffe individuell verschieden, weil jeder nun mal unterschiedliche Stärken und Schwächen hat, für die es sich zu sensibilisieren gilt. Manche sind Kopf-Typen, manche sind Bauch-Typen. Das sollte ein jeder für sich erkennen.

Mit diesen Schlüsselbegriffen und den „Gedankenkonzepten“, die sie im Kopf ablaufen lassen, kann es uns in der Handtuch- oder Satzpausen gelingen, unsere Denkweise und unser Verhalten zu ändern.

Schlüsselwort-Beispiel: „TAKTIK!“

„Taktik“ könnte in unserem Kopf z. B. diese Schnellanalyse ablaufen lassen:

„Bringen meine typischen langen ‚Aufschläge’ den Gegner zu gut ins Spiel und mich in die Defensive?

Hat der Gegner eine ‚schwache Seite’, die ich noch gar nicht erkannt habe? 

Ist der ‚Speed’ meiner Topspins wirkungslos, habe ich es mit ‚Spin’ versucht?

Bringe ich meinen ‚typischen Punktebringer’ (VH-Topspin aus VH) überhaupt zum Einsatz — und warum nicht?“

Schlüsselwort-Beispiel: „KONZENTRATION!“

„Konzentration!“ könnte an eine typische mentale Falle erinnern, die einigen von uns eigen sein könnte:

„Führt meine ‚Ungeduld’ und meine Energie mal wieder zu übertriebener ‚Hast’?

Renne‚ nicht zum Ballaufheben, sondern ‚gehe’!

Zähle bis 5’, bevor du deinen  nächsten Aufschlag machst!“

Schlüsselwort-Beispiel: „ENTSPANNUNG!“

Wer nur allzu genau weiss, dazu zu neigen, psychischem Druck leicht nachzugeben, den könnte dieser Satz auf Kurz bringen.

„Eine Niederlage ist kein Beinbruch. Und eine drohende Niederlage ist nur eine Herausforderung. Kein Grund nicht ‚locker‘ zu sein und die Spannung im Spiel nicht einfach zu ‚geniessen’!“

Schlüsselwort-Beispiel: „JULI 2013!“

Wir können ein Keyword auch auf ein Ereignis der Vergangenheit beziehen, bei dem wir ein Spiel, das schon fast verloren war, doch noch bravourös drehen konnten. Ein jeder von uns hat das schon öfter geschafft. Sei es gegen einen Gegner, der uns in Spielstärke oder Tagesform weit überlegen war, den wir aber dennoch „knacken“ konnten. Sei es ein  hoffnungsloser, aber doch noch aufgeholter Rückstand gegen einen Gegner, dem wir als überlegen galten.

Wenn wir uns für beide Ereignisse jene Faktorenkonstellation, die den Ausschlag zu unseren Siegen gab,  genau reflektieren, ordnen, zu Papier bringen und in unserem Kopf mit dem Keyword „Juli 2013!“ verknüpfen, dann kann uns das für ähnliche Situation ein mentales Erfolgskonzept an die Hand geben. Das könnte sich, wenn es denn so war, wie folgt anhören und zu einer positiven Mentalisierung führen:

„Denk an Juli 2013! Ich lag hinten gegen einen Schwächeren. Ich beherrschte meinen Ärger. Die mögliche Niederlage wog nicht mehr schwer. Ich stoppte meine Fahrigkeit, nahm mir Zeit zwischen Bällen — und spielte nur die, die ich kann. Mit den ersten aufgeholten Punkten verschwand das Blei aus meinen Füssen und meiner Hand – das Spiel machte Spass. Und ich gewann. So mache ich es jetzt auch“

Je nach Typ kann es Sinn machen, diese Schlüsselworter inklusive der Statements, für die sie stehen, nicht nur zu denken, sondern hörbar für sich selbst auszusprechen.

„Self-Talk“ – sei dein eigener Fan!

Selbst taktisch optimal durch TrainerInnen oder MitspielerInnen beraten, kann unser psychischer Zustand für den weiteren Spielerlauf genauso entscheidend sein wie Taktik-Anweisungen oder Technik-Tipps. Ein Spiel, zumal ein fast verlorenes, zu bestimmen und zu drehen, gelingt uns nur, wenn auch Psyche und Gefühl mitspielen — und voll hinter uns stehen.

Erstmal gilt es, die Eingeschnapptheit gegenüber sich selbst zu erkennen und sie abrupt abzulegen. Sie ist der Feind. Denn damit blockieren wir uns nur selbst und geben weder vernünftigen Tipps noch positiver Selbstmentalisierung eine Chance.

Aber wie? — Mit Ehrlichkeit, Humor und Vernunft in 2 Schritten!

Schritt 1

Den eigenen, negativen oder inhaltsleeren Self-Talk  als eigene Eingeschnapptheit und Orientierungslosigkeit entlarven, kurz wohlwollend über sich selbst lachen – und ihn sich verbieten. Auf die geistige Schwarze Liste gehören Selbstgespräche wie die diese:

„Sinnlos, egal was ich mache“
„Das gibt’s doch gar nicht!“
„Nur Pech!“
„Kante und nochmal Kante!“

Schritt 2:

2. Stattdessen zu einem gelernten „Self-Talk“ wechseln, der uns ganz persönlich  – ähnlich wie die Schlüsselworte – positiv motiviert, weil wir damit gelernte, positive Erfahrungen abrufen. Das kann umgehend entkrampfend wirken.

So kann man einen Self-Talk“ wie „Komm, sei kein Kind!“ für sich z. B. so belegen:

„Ich habe kein Pech, keinen schlechten Tag und keiner ist  gegen mich. Ich höre einfach auf den Rat und gebe keinen Punkt verloren. Alle trauen mir alles zu – und wer mir jetzt zusieht, wird sich einmal mehr wundern!“

Sarah RAMIREZ

Sarah RAMIREZ

Ein „Jawoll, genau so und nicht anders!“ oder auch ein „Geht doch!“ nur bei solchen Punktgewinnen, in denen wir die Anweisung des Trainers oder Mitspielers umgesetzt haben, halten uns auf Kurs und sind wie ein Motivations-Kanal zwischen der Bank und uns – und oft auch  dem Teil des Publikums, der uns wohlwollend gegenübersteht.

Je nach Ego, darf es auch ruhig ein noch bestätigenderer Ausruf wie  „Großartig!“ sein, ergänzt um eine Gestik, die uns pusht.

Ehe man sich versieht sind Mut, Selbstvertrauen und Spielfreude wieder da. Und selbst wenn es für das Spiel nicht mehr gereicht haben sollte – der größeren Selbstzufriedenheit dient diese Mentalisierung in jedem Fall.

Übersetzung aus dem Japanischen und redaktionelle Adaption durch Frank Völler.

Über den Autor

Frank

Vom Kindergarten bis zur Uni stand er hochambitioniert am Tisch. Heute sitzt der Werbetexter und Japanisch-Übersetzer am Tisch – und setzt sich für das Online Marketing von Butterfly mit allen Themen auseinander, die die Tischtenniswelt bewegen.

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