Mouilleron-le-Captif, nahe der französichen Atlantikküste, ist aktuell das Zentrum der Aufmerksamkeit in der Tischtenniswelt. Hier treffen die besten Nachwuchsspieler der Welt aufeinander und kämpfen um den begehrten Titel des Jugend-Weltmeisters, im Einzel und in der Mannschaft.

Richard Prause, DTTB

Richard Prause, DTTB

Richard Prause, unser Fachmann vor Ort berichtet von Niederlagen und Triumph, von Überraschungen und Enttäuschungen und erklärt uns, welche Stars und Sternchen wir in Zukunft im Auge behalten sollten..

Voller Spannung bin ich zu den Jugend Weltmeisterschaften nach Frankreich gereist, einerseits um zu sehen, wie sich die deutschen Mannschaften schlagen würden, andererseits natürlich auch um den internationalen Vergleich zu beobachten.

 

Sonntag, 06.12.2015

Wer sind hier die „Kleinen“?

Während die besten 16 Jungen und Mädchen sich noch einen Tag ausruhen konnten, gingen für alle anderen die Einzelspiele in der Qualifikation weiter. Dieser Qualifikationstag gab mir die Möglichkeit ein wenig auf die so genannten „kleinen Nationen“ zu schauen. Und wenig überraschend möchte ich feststellen das diese „kleinen Nationen“ ungemein aufgeholt haben.

Bruna TAKAHASHI

Bruna TAKAHASHI

USA oder Brasilien als Beispiele zählen längst nicht mehr zu jenen Nationen, die man auf der Tischtennis Landkarte belächelt hat. Mit Bruna Takahashi (BRA) oder zum Beispiel den Geschwistern Jha (USA) und Krishnateja Avvari (schlug immerhin die Nr 22 der Setzliste!) haben Sie einige vielversprechende Spielerinnen und Spieler am Start, und die USA schaffte es mit der Mädchenmannschaft sogar bis ins Halbfinale. Letztlich sind die genannten natürlich meist noch ein Stück entfernt davon im Einzel den ganz großen Wurf erzielen zu können und Titel in die genannten Länder zu holen. Nichtsdestotrotz darf zum Beispiel auch in Rio bei den Olympischen Spielen mit einer sehr starken brasilianischen Mannschaft gerechnet werden und wer weiß vielleicht machen in einigen Jahren auch die USA bei den großen Events von sich Reden. Das Potential haben sicherlich die beiden Länder auf jeden Fall.

Sehenswert.

China hat bislang dieser WM wenig überraschend den Stempel aufgedrückt und wurde auch in den ersten Einzelrunden nur wenig gefordert.
Einige andere Matches erzeugten da mehr Spannung und meine Aufmerksamkeit.

Luisa Säger

Luisa Säger

Beispielsweise hat mir das Spiel von Luisa Säger gegen Thailands Thamolwan Khetkuen sehr gut gefallen. Von beiden Seiten sehr variabel geführt und auch mit vielen Tempowechseln ausgestattet konnte sich knapp die Thailänderin durchsetzen.
Oder auch das Spiel Marie Migot gegen Rumäniens Nr 1., Adina Diaconu. Interessant war zu sehen, wie die eher spinorientierte Marie Migot gegen die eher klassische, sehr tischnahe, und dadurch sehr druckvolle spielende Adina Diaconu antrat, mit dem besseren Ende für Adina.

Aus für Kallberg

Für einen echten Paukenschlag sorgte in der zweiten Runde Dennis Klein der sich mit 4-2 gegen

Dennis Klein

Dennis Klein

Anton Kallberg durchsetzen konnte. Es war mir schon aufgefallen, dass Anton in den Mannschaftwettbewerben etwas gehemmt agierte. Aus deutscher Sicht natürlich sehr erfreulich, dass Deutschlands Nummer eins einen der Favoriten aus dem Turnier werfen konnte. Immer wieder gelang es Dennis die gefährlichen Aufschläge seines Gegners zu entschärfen und er nahm ihm so einer seiner stärksten Waffen. Sicherlich wird dies Dennis weiter Auftrieb geben, und zeigt seine positive Entwicklung, die er mit dem Sieg beim Europe Top 10 bereits unterstrich.
Insgesamt war auffällig dass relativ wenig Abwehrspieler am Start waren, bei den Herren nicht wirklich überraschend bei den Damen wohl schon, schaut man sich die Anzahl der Abwehrspielerinnen bei den Erwachsenen an.

Die Viertelfinals

23248945680_95bc549b2c_hEs ist sicher immer interessant auf die Viertelfinals zu schauen. Nicht immer konnten sich die Gesetzten auch durchsetzen aber zumindest die Chinesen zeigten sich in schwierigen Situationen dem Druck gewachsen. Auch der als Geheimfavorit gehandelte Wang musste erst über die volle Distanz gegen Cho aus Korea gehen, bevor sein Viertelfinaleinzug mit 12:10 im siebten Satz feststand, und Dennis Klein ließ sich auf seinem Weg ins Viertelfinale auch vom Hongkong-Chinesen Ng nicht aufhalten, obwohl Ng nach 0-3 noch auf 3-3 ausgleichen konnte bevor Dennis Klein dann im Entscheidungssatz mit 11:8 die Oberhand behielt.

Die Technik der Yougster

Die Teilnehmer sowohl bei den Mädchen als auch bei den Jungen sind insgesamt schon auf einem guten Weg und technisch versiert, wobei die Chinesen sicherlich nochmals ein Stück kompletter und athletischer sind als die anderen Nationen.
Vielleicht wird noch nicht so präzise und genau gespielt, wie bei den Erwachsenen aber technisch sind diese Spieler alle schon sehr gut ausgebildet. In erster Linie fehlt Ihnen noch Erfahrung und natürlich einige Jahre Training um sich auch irgendwann bei den Erwachsenen durchsetzten zu können.

Und dann: China

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4 + 4, das spricht eine deutliche Sprache und bedeutet nicht mehr als das sowohl vier Chinesinnen als auch vier Chinesen in den Halbfinals dieser Jugend-Weltmeisterschaften in Frankreich standen. Auch wenn manche Viertelfinals etwas knapper aussahen und „nur“ mit 4-2 an die Chinesen gingen, konnte doch letztendlich keiner der Gegner einen Chinesen in einen siebten Satz zwingen.

So bleibt für den finalen Sonntag nur die Frage im Einzel welcher der Chinesen sich den Weltmeistertitel  sichern kann und sich die Krone im Einzel aufsetzen wird.
Am ehesten war vielleicht Alexandre Cassin in seinem Viertelfinale bei einem 2-2 Satzausgleich und in den Sätzen 5 und 6 mit 9-11 und 8-11 relativ nahe daran, den Chinesen Wang zu besiegen.

Die Weltmeister

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World Junior Champions

Wang Menyu heisst die neue Weltmeisterin bei den Mädchen im Einzel. Interessantes Detail: Sie war die erste Spielerin, die ihren Titel verteidigen konnte, auch letztes Jahr bei den Weltmeisterschaften in Shanghai hieß die Siegerin Wang Menyu. Und: sie hat wohl noch 2 mal die Möglichkeit, bei den Jugend Weltmeisterschaften an den Start zu gehen….
Liu Dingshuo ist der neue Weltmeister bei den Jungen. In einem reinen chinesischen Duell sicherte er sich seinen Weltmeistertitel im Finale gegen den Penholder Spieler Xu Fei mit 4:0.
China bleibt damit – wenig überraschend – das Maß aller Dinge. Müßig darüber nachzudenken, was gewesen wäre, hätte Japan seine besten Spielerinnen und Spieler mit an den Start gebracht….

Fazit

Diese Weltmeisterschaften haben mir einige interessante Aufschlüsse gegeben haben und die deutschen Spielerinnen und Spieler haben eine solide Weltmeisterschaft gespielt wenn gleich die deutsche Mannschaft sicherlich auch einige Hausaufgaben mit auf den Weg nach Hause bekommen hat.
Die Ballwechsel sind insgesamt etwas länger geworden und es ist noch wichtiger geworden sich in den Ball zu bewegen und in der Vorwärts Bewegung noch genauer zu sein.
Das nächste Training wartet schon…

Freitag, 04.12.2015

Auf welchem Level bewegen sich die jungen Chinesinnen und Chinesen, aber natürlich auch auf welchem Level können Nationen, die man nicht so häufig sieht (wie zum Beispiel die Mannschaft aus Nordkorea) hier auftreten?

 

Überraschungen aus Nordkorea

Und eben diese nordkoreanische Damen Mannschaft traf in den Gruppenspielen auf China und auf Hongkong wo sie allerdings in beiden Spielen letztlich chancenlos waren. Sicherlich sind Spielerinnen und Spieler aus Nordkorea sehr gut ausgebildet, aber sie brauchen einfach häufiger und regelmäßiger internationalen Turniere, um den wichtigen Vergleich mit anderen Spielern zu suchen.

Und Europa?

23169829019_099dea0d30_zAus Europa war ich neben den deutschen Mannschaften auch auf Frankreich gespannt, und natürlich auf Anton Kallberg der in der deutschen Bundesliga schon sehr sehr gute Ergebnisse erzielt hat. Auf Antons Schultern lastete auch die Hoffnung Schwedens im Viertelfinale gegen China. Aus meiner Sicht merkte man Anton ein klein wenig diesen Druck an. Letztlich musste Schweden und auch Kallberg die Überlegenheit Chinas anerkennen, wenngleich auch hier Anton seine Chancen hatte. Ich bin gespannt, wie Anton sich in den Einzelwettkämpfen schlägt wenn es eventuell wieder gegen Chinas Nachwuchstars geht.
Aus deutscher Sicht ist das Erreichen zweier Viertelfinales ein gutes Ergebnis wobei die deutschen Damen angeführt von einer sehr gut spielen Wan Yuan ihre Chance verpassten gegen die USA zu gewinnen und eine Medaillie nach Deutschland zu holen.
Im Finale bei den Mädchen stehen sich mit China und Südkorea die Mannschaften gegenüber, die man dort auch erwarten durfte. Gratulation an die USA und Rumänien die mit einer weiter verbessern Adina Diaconu die Bronzemedaille erkämpfen konnten!

Die Halbfinals

Im Halbfinale der Jungen-Mannschaft trafen China auf Frankreich und Hongkong auf Südkorea. Die Franzosen, angeführt 23539857645_0e12c79613_zvon Alexandre Cassin und Can Akkuzu wehrten sich zwar wacker, waren aber letztlich gegen die chinesische Mannschaft auf verlorenem Posten. Interssant das mit Xu Fei ein Penholdspieler in der chinesischen Mannschaft an Position drei aufgeboten wurde. Sicher ein Indiz dafür, dass es in China nach wie vor Bestrebungen gibt auch „alternative“ Spielsysteme auszubilden. Vielleicht sehen wir auch wieder einmal einen chinesischen Abwehrspieler…..

Gespannt war ich auch wie sich das Halbfinale zwischen Südkorea und Hongkong entwickeln würde, die die Nummer eins der Einzelsetzrangliste, Ho Kwan Kit im Team hatten. Cho Seungmin blieb es vorbehalten, den favorisierten Ho Kwan Kit mit 3-2 zu besiegen und damit den Weg für Koreas 3-0 Sieg zu ebnen..

Damit hieß der Herausforder Chinas im Mannschafts Finale der Jungen:  Südkorea.

23449805856_9463990207_bChinas Damen gaben sich im Finale gegen Südkorea keine Blöße kamen niemals in Verlegenheit und schlugen die Mannschaft aus Südkorea sehr sicher mit 3-0. Da wollten Chinas Herren nicht nachstehen! Und tatsächlich hielten sie ähnlich souverän wie die Damen dem Druck stand und schlugen Südkorea standesgemäß ebenfalls mit 3-0. Wang Chuqin, Linkshänder und Jahrgang 2000 machte auf mich in dem Finale der Jumgen einen sehr guten Eindruck. Er wird im Augenblick in China als aufsteigender Stern gehandelt, schlug er doch bei den chinesischen Meisterschaften schon den amtierenden Weltmeister Ma Long. Ich bin gespannt wie sich Wang im Einzel dieser Weltmeisterschaft schlagen wird, für mich sicherlich einer der Favoriten auf den Titel im Einzel! Am Sonntag werden wir es wissen.

Über den Autor

Richard

Seit er mit 12 zum Tischtennis kam, lässt unsere Sportart ihn nicht mehr los. Erst als langjähriger Nationalspieler und später in logischer Folge als Trainer gibt er sein Wissen und Erfahrung an seine Spieler weiter. Zwischen 2000 und 2004 als Damen-Nationaltrainer und von 2004 bis 2010 als Herren-Nationaltrainer war er maßgeblich an den Erfolgen von Timo Boll und Co beteiligt. Seit 2010 arbeitet er als Headcoach an der Werner Schlager Academy und arbeitet hier auch als Experte für die ITTF. Schon viele Jahre gehört er zur Butterfly Familie und freut sich, zusammen mit Butterfly, den Tischtennissport weiter zu entwickeln.

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Ein Kommentar

  1. René

    Immer wieder sehr schön zu lesen, die Analysen von Richie. Sowas bekommt man woanders in dieser Qualität und Ausführlichkeit nicht serviert. Vielen Dank!