Neben den Siegern gab es bei den Weltmeisterschaften 2016 mehr als nur ein paar Überraschungen (wir berichteten). Darunter und vermutlich der größte Erfolg war die Bronzemedaille Englands. Spitzenspieler und Butterfly Star Liam Pitchford konnte bereits im Vorfeld auf der ITTF World Tour auf sich aufmerksam machen, aber bei der WM gelang ihm der Durchbruch. Schlussbilanz: 8-5 – und er war mehr als einmal ganz nah an der Sensation gegen Topstars, wie Japans Jun Mizutani. Wir haben Liam ein paar Fragen zu seiner fantastischen Leistung stellen können:

 

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Q:Zunächst einmal herzlichen Glückwunsch zu diesem tollen Erfolg, dem größten Erfolg einer englischen Mannschaft bei einer WM seit 1993! Habt ihr eine besondere Vorbereitung für dieses Turnier gehabt?

A: Danke! Wir haben versucht so viel Zeit wie möglich als Team miteinander zu verbringen. Paul Drinkhall und Alan Cooke haben Sam (Walker) und mich in Ochsenhausen besucht, wo wir uns 2 Wochen lang intensiv vorbereiten konnten. Danach flogen wir nach Singapur zum Abschlusstraining, von dort dann nach Malaysia. Ich glaube, die Zeit hat uns als Team richtig zusammengschweißt. Je näher das Turnier dann rückte, desto weniger Zeit haben wir am Tisch und desto mehr mit gezielter Matchvorbereitung verbracht.

25556498935_07a7490242_kQ:Welches Ziel hattet ihr euch vor dem Turnier gesetzt?

A: Realistisch gesehen wollten wir einfach in der Champions-Division bleiben. Wir wussten, dass wir auf einem guten Niveau mitspielen konnten – aber an eine Medaille hat wirklich niemand von uns gedacht!

Q: Welches Match war aus deiner Sicht entscheidend?

A: Ich würde sagen das Gruppenspiel gegen Deutschland. Wir wussten, wenn wir das verlieren ist das Turnier vorbei. Also haben wir alle 120% gegeben und mit etwas Schützenhilfe von Schweden haben wir dann den dritten Platz erreicht.

Q: In welchem Spiel hast du deine beste Leistung gezeigt?

A: Das war im Viertelfinale gegen Frankreich. Ich war voll konzentriert, hatte das Gefühl den Ball nicht verfehlen zu können. Das beste daran war, dass ich die Topform im wichtigsten Spiel für mein Team abrufen konnte. 25283099792_6cbcb7738b_b

Q: Ihr hattet ja im Gruppenspiel gegen Frankreich verloren. Gegen Emmanuel Lebesson musstest du auch im Einzel einen Punkt abgeben. Bei der Viertelfinalbegegnung hast du dann gegen ihn gewonnen – was war anders?

A: Wir wussten als Mannschaft mussten wir im zweiten Spiel stärker auftreten. Und mir war klar: Wenn ich jetzt Lebesson schlage, sind sie plötzlich unter hohem Druck. Im Spiel habe ich versucht, mehr parallel zu spielen und zu verhindern, dass er Vorhand aus der Rückhandseite spielen kann – so hatte er mich in der Gruppe nämlich geschlagen! Im Kurz-Kurz Spiel war ich ausserdem stärker als noch in der Gruppe und damit konnte ich mir einige „einfache“ Punkte sichern.

Hier gibts einige Highlights aus diesem wichtigen Match:

Q: Und welches war dein schlimmstes Match bei der WM?

A: So richtig schlecht war ich im ganzen Turnierverlauf nicht – aber im Spiel gegen Ruwen Filus (das Gruppenmatch gegen Deutschland) habe ich mir selbst zu viel Druck gemacht. Andererseits hat Ruwen wirklich klasse gespielt – wer weiß ob ich auch mit Topform gewonnen hätte.

Q: Welches Material spielst du?

A: Mein Holz ist das Butterfly Viscaria. und ich spiele Tenergy 05 auf beiden Seiten.

Q: Hast du das Material mal gewechselt in letzter Zeit?

A: Nein, ich spiele schon eine Weile mit dieser Kombination und mir gefällt einfach alles daran: Ich habe genügen Druck im Offensivspiel und die passive Kontrolle verringert meine Fehlerquote. Das Material passt genau zu meinem Spielstil. Ich habe früher mal ein anderes Holz gespielt, aber da fehlte mir die Durchschlagskraft. Also habe ich mich von Butterfly beraten lassen und mir wurde das Viscaria empfohlen. Seit dem bin ich voll zufrieden!

25474793816_bff01acc51_kQ: Welches Ziel hast du dir als nächstes gesetzt?

A: Jetzt gerade setze ich alles daran, mich für die olympischen Spiele in Rio zu qualifizieren. Das Qualifikationsturnier steht an und ich bin jetzt 100% darauf fokussiert in der bestmöglichen Form dort aufzutreten.

Q: England hat sich erst bei der letzten WM 2014 überhaupt für die Championsdivision qualifiziert. Und jetzt habt ihr dort im ersten Anlauf eine Medaille geholt. Wie siehst du die Perspektiven für Team England in Zukunft?

A: Wir haben noch einen langen Weg vor uns, aber mit unserem jungen Team sind wir jetzt hungrig auf mehr! Ich hoffe, wir werden jetzt zukünftig immer um eine Medaille mitspielen – wir sind selbstbewusster geworden und ich glaube viele der „großen“ Mannschaften haben uns jetzt auf dem Radar.

Q: Konntest du das Turnier in Malaysia genießen?

A: Ich denke alles war gut, wir hatten was wir brauchten, um gutes Tischtennis spielen zu können. Ein paar Dinge hätten sicherlich besser sein können, aber nach unserer Leistung kann ich mich auf keinen Fall beschweren.

Q: Wenn du dir die Ergebnisse und Spiele bei der WM so anschaust – was würdest du sagen geschieht gerade im Tischtennis?

A: Es ist offensichtlich, das China allen anderen Teams ein Stück voraus ist. Aber ich denke wir haben gesehen, dass das Leistungsniveau bei den anderen Mannschaften enger zusammengerückt ist. Besonders die „kleinen“ Nationen schließen schnell auf, und können die „großen“ immer wieder ärgern. Wir haben glaube ich bei der WM einiges davon gesehen, mit dem Erfolg der polnischen Mannschaft, dem Ausscheiden des deutschen Teams usw. Ich glaube, dass hat Tischtennis noch einmal ein bisschen spannender werden lassen.

Q: Möchtest Du deinen Fans da draußen noch etwas sagen?

A: Ich hoffe ihr habt meine Spiele bei der WM genießen können. Vielen Dank für eure Unterstützung und fürs Anfeuern! Ich hoffe euch bald noch mehr Erfolge bieten zu können!

Ganz sicher. Danke, Liam!

Über den Autor

Seb

Sebastian begann mit dem Tischtennissport mit 11 Jahren und schaffte es bis in die 5. deutsche Liga. Aktiv im Profisport ist er dennoch: Seit 2011 arbeitet Sebastian als TV-Kommentator für die ITTF und berichtet Live von den großen internationalen Turnieren. Seit 2014 ist er Teil des Butterfly-Teams und arbeitet im Export und Marketing als Übersetzer und Lektor.

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Ein Kommentar

  1. René

    Interessantes Interview mit dem derzeit besten Engländer. Eine gute Sache, daß die englische Mannschaft vor der WM viel Zeit miteinander verbracht hat. Wie schon beschrieben, schweißt das zusammen und man kann sich besser mit den Kameraden identifizieren. Das war eine klasse Leistung und die Zuschauer wirkten bei den Spielen dieser Mannschaft richtig begeistert.