Die Olympischen Spiele in Rio sind Geschichte, bei den Paralympics wird noch um Medaillen gekämpft. Zeit für uns, ein Fazit zu ziehen und sich vor allem die Leistungen der deutschen Mannschaften einmal näher anzuschauen. Wer ist da besser geeignet als unser langjähriger Butterfly Coach Richard Prause? Richie war in der ersten Reihe dabei und hat Olympia quasi „hautnah“ erlebt. Hier gibt’s sein Review:

Beginnen wir mit dem Einzelturnier

Richard Prause, DTTB

Richard Prause, DTTB

Es war ein Turnier voller Überraschungen was uns zeigt, dass auch die besten Spieler noch weiter zusammengerückt sind und Olympia seine eigenen Gesetze hat. Mit großen Ambitionen starteten sowohl Chuang Chih-Yuan (TPE) als auch Timo Boll (GER) in das Einzelturnier. Wer hätte vorher daran gedacht, dass für beide Top-Spieler der Nigerianer Quadri Aruna die Endstation sein würde? Aruna bestach durch unorthodoxe Technik auf der Rückhand aber gleichzeitig mit einer unglaublichen Beschleunigung aus der Vorhand. Fast alle längeren Ballwechsel entschied der Nigerianer sowohl gegen Chuang als auch gegen Timo für sich. Was geschehen wäre wenn Timo Boll, der sich nach einem 0-3 Rückstand auf 2-3 herankämpfte, in einen 7. Satz gekommen wäre – werden wir wohl nicht erfahren… aber Quadri Aruna stand somit als erster Afrikaner in einem Einzelviertelfinale eines olympischen Tischtennis Turniers. Respekt!

Dimitrij Ovtcharov, Deutschlands Nummer 1, hatte sich ebenfalls viel vorgenommen und nach Siegen gegen Li Ping und Bojan Tokic wollte er gegen Altstar Vladimir Samsonov seinen Halbfinaleinzug perfekt machen. Dima hat sich spielerisch weiter verbessert, trat in vielen Sätzen, die er klar gewann, sehr souverän auf und zeigte sich auch über dem Tisch noch weiter verbessert. Allein hatte er die Rechnung ohne einen aufopferungsvoll kämpfenden und taktisch brillant spielenden Samsonov gemacht. Immer wieder erahnte Samsonov, wohin  sein Vereinskamerad aus Orenburg die Bälle platzieren wollte. Bezeichnend war der Matchball, bei dem Samsonov Dima’s Topspin in die entlegenste Ecke des Tisches platzierte und sich so den Einzug ins Halbfinale und eine Chance auf seine erste Medaille bei Olympia sicherte.

Der Mannschaftswettbewerb – Dima und Timo „runderneuert“, Steger bärenstark

28429726034_c049308b5e_zAus deutscher Sicht war man natürlich ob der ausgelassenen Chancen in den Einzeln etwas enttäuscht. Umso wichtiger war es, dass die deutsche Mannschaft gemeinsam Timo und Dimitrij wieder motiviert an den Start ging und einmal mehr zeigte, dass mit der deutschen Mannschaft immer zu rechnen ist. Die erste Runde brachte das erneute Aufeinandertreffen mit Taiwan und Topspieler Chuang Chih-Yuan. Hier sollte sich zeigen, wer die Niederlage gegen Quadri Aruna besser verdaut hatte. Hut ab vor der kämpferisch und spielerisch tollen Leistung der deutschen Mannschaft gegen Taiwan. Sowohl Dima als auch Timo zeigten sich quasi „runderneuert“ und gewannen ihre Einzel gegen Chen und Chuang. Besonders loben  möchte ich hier aber Bastian Steger, der gegen Chuang eine Riesenspiel machte. Immer wieder mit überlegten Platzierungen und Tempowechsel spielend, unglaublich ballsicher und beweglich. So sicherte er mit einem 3-0 gegen den Top-10 Spieler Chuang den Einzug der deutschen Mannschaft ins Viertelfinale.

Dort kam es zur Revanche gegen Österreich, nachdem das deutsche Team in Russland bei der EM 2015 noch unterlegen war. Und wieder war es neben den Siegen von Timo und Dima die „Nummer 3“ Bastian Steger, der die österreichische Nummer Eins Stefan Fegerl bezwang. Damit stand Deutschland wie schon 2008 und 2012 im Halbfinale – der Gegner sollte, wie 2008, Japan heißen.

Endstation Mizutani

Jun Mizutani, der sich schon im Einzel Bronze gesichert hatte, spielte in Rio in der Form seines Lebens, ballsicher und flink auf den Füssen wie eh und je aber 29058271065_54b7064151_zdeutlich verbessert, besonders mit der Rückhand und etwas tischnäher agierend bezwang er sowohl Timo (den er zuvor in 17 Spielen nur ein Mal besiegen konnte) als auch Bastian Steger relativ mühelos und legte den Grundstein für Japans verdienten 3-1 Sieg.

Im Finale, gegen den durchaus erwartbaren Gegner China konnte sich Japan und vor allem Jun toll in Szene setzen (er bezwang im Finale gar Xu Xin!), leider änderte dies nichts an der 1-3 Niederlage Japans und einer weiteren Goldmedaille in der Sammlung der Nationalmannschaft Chinas.

Bronze oder Nichts!

28429718474_a9681c6a29_kGegen Südkorea im „Bronzespiel“ musste sich also entscheiden ob Deutschland mit Edelmetall oder mit leeren Händen nach Hause fliegen würde.

Am Ende stand ein spielerisch und kämpferisch überzeugendes 3-1 gegen Südkorea und der Gewinn der Bronzemedaille. Timo, sowie die gesamte Mannschaft hatten einige bange Minuten zu überstehen als Timo sich im Doppel den Nacken zerrte. Aber unser Mannschaftsarzt Toni Kass konnte Timo wieder fit machen und mit einer taktischen Meisterleistung sicherte Timo den Siegpunkt gegen Abwehrass Joo Saehjuk und damit die Bronzemedaille. Aus diesem Team einen Spieler herauszuheben fällt schwer. Timo, Dima und Bastian sowie Patrick Franziska präsentierten sich als tolle Mannschaft und echte Einheit. Der Medaillengewinn ist die verdiente Belohnung für die harte Arbeit der Mannen von Bundestrainer Jörg Roßkopf.

Fazit

Über allem thront natürlich China und ich bin gespannt wer es in den nächsten Jahren schaffen wird ein Loch in die berühmte chinesische Mauer zu reißen. Wir werden in Deutschland jedenfalls nichts unversucht lassen.

Ein Wort zu Ma Long. Wer ihn bei Olympia hat spielen sehen der sah einen unglaublich gereiften Ma Long, der phasenweise Tischtennis auf einem ganz anderen Level als die anderen Weltklasse-Akteure spielte. Einzig Jung Youngsik und vielleicht Jun Mizutani konnten ihm phasenweise zumindest gefährlich werden. Es bedeutet schon etwas wenn General-Cheftrainer Liu Guoliang sagt sein Schützling spiele im Augenblick „sehr sehr gut“..

Starke Leistung bei den Damen – Silber zur Belohnung

28705344170_02a051d84a_zHan Ying deutete schon mit ihrem souveränen Viertelfinal-Einzug im Einzel an, dass sie in Rio in herausragender Form auflaufen würde. Und auch Petrissa Solja und Shan Xiaona, die, wie auch Han Ying noch nie bei den Olympischen Spielen antreten durften, konnten in der Mannschaft über sich hinauswachsen. War der Sieg gegen die USA noch erwartet worden, so setzte das Spiel gegen Hongkong ein erstes Ausrufezeichen und zeigte, dass da noch was kommen würde. Und das Halbfinalspiel gegen Japan machte die Sensation schließlich perfekt. Wirklich, eine Sensation? Vielleicht eine Überraschung aber keine Sensation, hatte man doch schon bei den Weltmeisterschaften in Malaysia geschafft in der Gruppe Japan zu bezwingen. Nichts-desto-trotz ist Olympia nochmal etwas Anderes und spielt bekanntlich nach eigenen Regeln. Vor allem in knappen Spielsituationen riefen die Spielerinnen von Jie Schöpp ihr absolut bestes Tischtennis ab und als Petti Solja ein 3-9 im Entscheidungssatz gegen Mima Ito noch in einen Sieg verwandelte, sah man plötzlich erste Verunsicherung in den Gesichtern der Japanerinnen. Auch die folgende – sehr, sehr knappe – Niederlage von Ito und Superstar Ai Fukuhara gegen „Nana“ und „Peti“ hatte man aus japanischer Sicht so nicht einkalkuliert und als dann Han Ying gegen Japans Star Fukuhara mit 11-9 im Entscheidungssatz gewann, gab es für die deutsche Damenmannschaft kein Halten mehr – die erste Medaille für ein deutsches Damenteam war perfekt, und dann gleich Silber!

Im Finale mussten wir die Überlegenheit Chinas aufs Neue anerkennen. Mehr als ein Satzgewinn konnte nicht verbucht werden, bei lediglich 5 verlorenen Sätzen der chinesischen Spielerinnen im Turnierverlauf muss ich hinzufügen „immerhin“.  Der Gewinn der  Silbermedaille ist aber ein großer Erfolg, an dem alle hart gearbeitet haben und der sicher verdient ist. Ich freue mich mit unseren Mädels!

Der Vollständigkeit halber sei erwähnt, dass Ding Ning das Finale im Dameneinzel gegen Li Xiaoxia gewann. Li beendete danach ihre lange, erfolgreiche Karriere während Ding nach dem Weltmeistertitel sich jetzt auch den Olympiasieg sicherte.

Die Olympischen Spiele in Rio gehören, was das Flair angeht, nicht zu den herausragenden Spielen. Im Vergleich  beispielsweise zu Sydney und Peking bleiben sie doch etwas zurück. Olympische Spiele sind aber immer etwas Einzigartiges und Timo Boll als Deutscher Fahnenträger wird sicher allen Tischtennisspielern zusätzlich zu unseren gewonnen Medaillen im Gedächtnis bleiben.

Über den Autor

Seb

Sebastian begann mit dem Tischtennissport mit 11 Jahren und schaffte es bis in die 5. deutsche Liga. Aktiv im Profisport ist er dennoch: Seit 2011 arbeitet Sebastian als TV-Kommentator für die ITTF und berichtet Live von den großen internationalen Turnieren. Seit 2014 ist er Teil des Butterfly-Teams und arbeitet im Export und Marketing als Übersetzer und Lektor.

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