Der Men’s World Cup 2016  in Saarbrücken fand diesmal ohne die etablierten Superstars Ma Long, Jun Mizutani, Zhang Jike oder Timo Boll statt. Dies ermöglichte einen spannenden Einblick in die „zweite Riege“ der Top 10, interessante Matches sowie eine Momentaufnahme des modernen Tischtennis.

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Die Teilnehmer des World Cup 2016

Noch lächeln sie, die Teilnehmer des Men’s World Cup 2016 bei ihrer Ankunft und dem ersten Kontakt mit dem World Cup Pokal. Im Laufe der nächsten 3 Turniertage wird sich das Feld der Stars deutlich ausdünnen. Doch wer nimmt den Preis mit nach Hause? Und wer wird für Überraschung sorgen?

Resultate

Den Preis bekommt: Fan Zhendong

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Die Sieger: Fan Zhendong (CHN), Xu Xin (CHN) und Wong Chun-Ting (HKG)

In Abwesenheit des Olympiasiegers, World Cup Titelverteidigers und Weltmeisters (in Personalunion) Ma Long, sowie des Japanischen Superstars Jun Mizutani war plötzlich für fast jeden Teilnehmer „alles drin.“ Dennoch konnten sich die mitgereisten chinesischen Spieler Xu Xin und Fan Zhendong bis ins Finale behaupten. Letzterer, gerade 19 Jahre alt, wird von Experten schon als Nachfolger für den noch längst nicht abdankenden Ma Long gehandelt, mindestens jedoch als „Kronprinzen“ (nach Butterfly Coach Richard Prause). Entsprechend dominant trat dieser in Saarbrücken auf und marschierte durch den Turnierbaum: 4-0 gegen Gao Ning, 4-1 gegen Jeoung Youngsik, 4-1 gegen Karlsson und dann dieses 4-1 im Finale gegen Landsmann Xu Xin. Besonders im Finale demonstrierte Fan seine enorme Nervenstärke. Richard Prause erinnert sich vor allem:

„..an die Situation beim 10-6 im dritten Satz. Aufschlag Fan. Xu Xin spielt aus der kurzen Vorhand zwei unglaublich aggressive Rückschläge mit der Rückhand (und das als Penhold-Spieler) und erzielt zwei direkte Punkte. Fan macht das, was man als abgebrühter Profi in so einer Situation macht: Ein Time-out nehmen. Als Xu dann seinen starken dritten Ball als Vorhandtopspin verwandeln will und sich ins anschickt ins Match zurückzukämpfen, steht Fan Zhendong bereits bereit für den krachenden Gegentopspin am Tisch. 3-0! Von da an dominierte Fan das Spiel und konnte in engen Situationen immer noch eine Schippe drauflegen. Wirklich Tischtennis auf höchstem Niveau.“

Die Highlights gibts in der offiziellen Zusammenfassung:

Fan Zhendong also erstmals World Cup Sieger, Xu Xin Zweiter. Im Spiel um Platz 3 zwischen den Butterfly Spielern Kristian Karlsson und Wong Chun-Ting der Spieler aus Hongkong schließlich durch. Ein großer Erfolg für den jungen Spieler aus Hongkong, mittlerweile feste Größe in den Top 10 der Welt. Noch größer allerdings für den Schweden, der mit den vierten Platz erneut ein großes Ausrufezeichen setzen konnte und für eine Überraschung sorgte:

Kristian Karlsson: Der Durchbruch

30072116235_626e58e0e0_kFür mehr als eine Überraschung sorgte der 25 jährige Schwede Kristian Karlsson. Als Nummer 29 in der Weltrangliste gehörte er wahrlich nicht zu den Favoriten des Turniers, vielmehr noch musste er sich zunächst durch die Qualifikationsrunde mühen. In der ersten Runde traf er auf Mitfavorit Dimitrij Ovtcharov, den deutschen Spitzenspieler. In einer mehr als überzeugenden Vorstellung ging Karlsson schließlich als Sieger vom Tisch. 4-1, viele Fans und Experten waren erstaunt, hatte sich Ovtcharov doch in letzter Zeit seinen Status als bester Spieler Europas deutlich unterstreichen können.

Richard Prause schlussfolgert:

Kristian hat in Saarbrücken wirklich fantastisch gespielt. Seine besondere Technik zeichnet ihn aus, er verfügt über ein starkes Aufschlag/Rückschlagspiel und weicht anschließend wirklich keinen Zentimeter vom Tisch zurück. Er spielt beidseitig enorm aggressiv, mit frühem Balltreffpunkt und starker Beschleunigung. Sein Spiel ist risikoreich, aber er kann so auch die besten Spieler der Welt früh unter Druck setzen, was man besonders im Halbfinale gegen Fan Zhendong merken konnte. Im Spiel gegen Ovtcharov fand‘ ich Karlssons Rückhandtechnik besonders bemerkenswert. Er trifft den Ball sehr früh und beinahe frontal. Dadurch erzeugt er nicht viel Spin mit der Rückhand, aber er beschleunigt den Ball ungemein. Normalerweise geht Dima gerne in diese „Rückhand-Rückhand“ Duelle, gegen Karlsson konnte er damit aber kaum punkten. Erwähnenswert ausserdem ist dieses schnelle Umschalten von passivem Spiel in den eigenen Angriff. Als Gegner musst du da ständig wachsam sein, man weiß bei Kristian nicht, wann der nächste Angriff kommt.

Nach dem Sieg über Ovtcharov spielte Karlsson gegen Simon Gauzy, der zuvor denkbar knapp Bastian Steger 30072116955_ebc7ae3e7d_kbezwingen konnte. Auch das Spiel gegen Karlsson sollte sehr ausgegelichen ausgetragen werden, mit dem besseren Ende abermals für den Schweden (4-3). So wurde aus dem Qualifikanten mit Aussenseiterchance nach zwei Siegen über die Nummer 6 und 19 der Welt pötzlich ein Halbfinalist bei einem World Cup, immerhin das drittwichtigste Turnier im Tischtennis, nach Olympia und der Weltmeisterschaft.

Dort wartete kein anderer als der spätere Sieger aus China: Fan Zhendong. Der 19-jährige sollte sich als eine Nummer zu groß für den Schweden darstellen, das Spiel endete 4-1. Dennoch hatte Karlsson seine Chancen und konnte das hohe Niveau erstaunlich gut mithalten und Fan ein ums andere Mal überraschen und unter Druck setzen.

29959375181_1275741e22_kIm Spiel um Platz 3 konnte Karlsson gegen Wong Chun-Ting einen guten Start erwischen. Im Verlauf des Spiels schlichen sich jedoch immer mehr Fehler in das Spiel des 25-jährigen, der Preis für das hohe Risiko in seinem Spielsystem. Sein Gegner aus Hongkong konnte immer besser Fuß fassen und hatte das Spiel beim Endstand 4-1 voll im Griff.

Auch wenn es am Ende nicht für den 3. Platz gereicht hat, so konnte Kristian Karlsson dennoch zeigen, dass seine starken Ergebnisse in letzter Zeit Teil eines systematischen Fortschritts sind. Ich bin sicher, dass wir in Zukunft noch viel von ihm hören werden.

Kristian Karlsson spielt das Butterfly KORBEL SK7 Holz und beidseitig TENERGY 05

Ein Schlusswort noch..

Chiquita - Flick

Chiquita – Flick

Auch bei diesem Turnier konnten wir sehen: Tischtennis entwickelt sich beständig weiter. Wo inzwischen besonders bei der Aufschlaganahme fast vollständig auf die Rückhand(die vielbesprochene „Chiquita“) gesetzt wird, können wir langsam Anpassungen und Veränderung dieser Technik beobachten. Häufig wird der RH Flip nicht mehr mit maximaler Geschwindigkeit gespielt, sondern bewusst langsam, um den nachfolgenden Ball mit Druck aus der Rückwärtsbewegung übernehmen zu können. Der RH Flip dient also jetzt mehr der Vorbereitung eines Topspins, als dem direkten Punktgewinn.

Neben dem RH Flip sieht man auch immer wieder eine Variante als Finte. Im letzten Moment wird der Flip abgebrochen und ein kurzer Schupfball gespielt. Dies kann den Gegner auf dem falschen Fuß erwischen, der sich auf eine passive Annahme eingestellt hat und plötzlich zurück an den Tisch treten muss um den Schupfball zu parieren.

Richard Prause fasst zusammen:

Noch immer bemerkt man den Nachhall der Olympischen Spiele in Rio. Viele Athleten sind nach der Dauerbelastung in der Vorbereitung und im Turnierverlauf einfach körperlich ausgezehrt. Manche, wie Jun Mizutani, Zhang Jike oder Ma Long haben aus diesen Gründen komplett auf den Start verzichtet. Anderen, wie Dimitrij Ovtcharov merkte man diese Nachbelastung deutlich an. Der World Cup gilt als eine der wichtigsten Turniere im Tischtennis, dennoch mussten viele Spieler hier dem übervollen Terminkalender Tribut zollen. 2016 war nun mal ein Olympia-Jahr, entsprechend haben sich alle Athleten voll auf Rio konzentriert und da fällt es schwer, später im Jahr die Spannung zu halten..

 

Über den Autor

Seb

Sebastian begann mit dem Tischtennissport mit 11 Jahren und schaffte es bis in die 5. deutsche Liga. Aktiv im Profisport ist er dennoch: Seit 2011 arbeitet Sebastian als TV-Kommentator für die ITTF und berichtet Live von den großen internationalen Turnieren. Seit 2014 ist er Teil des Butterfly-Teams und arbeitet im Export und Marketing als Übersetzer und Lektor.

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