Butterfly Trainer und Tischtennis Mega-Experte Richard Prause blickt mit uns zurück auf eine Woche hochklassigen Tischtennissport bei der WM in Düsseldorf. Lest hier exklusiv Richie’s persönliches Feedback zur wichtigsten Veranstaltung im Jahr 2017:

Ding Ning – Die verdiente Krönung

Im Dameneinzel hat sich Ding Ning aus China verdient die Weltmeister-Krone aufgesetzt, bzw. diese erfolgreich verteidigt. Dies ist ihr 3. WM Titel – damit zieht sie in einen elitären Kreis ein und steht auf einer Stufe mit Legenden wie Wang Nan und Ding Yaping. Ding Nings Spiel in Düsseldorf war – wie immer – spektakulär:  Variabel beim Aufschlag, beweglich,  und diese wahnsinnigen Winkel ihres Topspins – eine Augenweide für Fans. Zhu Yuling hat im Finale versucht, diese Stärken auszuhebeln und Ding Ning immer wieder auf den Wechselpunkt zu spielen. Mit ihrer Variablität und Anpassungsfähigkeit konnte die Weltmeisterin dies ein ums andere Mal verhindern. Respekt vor der Weltmeisterin, die sicher noch nicht am Ende ihrer Karriere angekommen ist!

Im Damenbereich gab es bei dieser WM für mich keine großen Überraschungen. Die junge Miu Hirano ist ins Halbfinale eingedrungen und Fans hofften auf eine Sensation wie noch bei den Asian Games, leider war es diesmal kein enges Match, Ding Ning war einfach zu gut vorbereitet, ihr Sieg sprach eine deutliche Sprache. Im Turnierverlauf zeigte sich insgesamt wieder, wie souverän die Chinesinnen auftreten auch wenn die jungen Japanerinnen zeigen konnten, dass sie angreifen können – bei der dieser WM klappte das noch nicht. Besonders mit Blick auf Tokyo 2020 werden wir diese neue Generation um Miu Hirano und Mima Ito im Auge behalten, da bewegt sich was im Damentischtennis.

Überraschungen Zuhauf bei den Herren

Da wäre zuerst die Rede von Zhang Jike gegen Lee Sangsu. Spielerisch interessantes Match, den Zhangs rückhandlastiges Spielsystem beherrscht der Koreaner Lee tatsächlich sogar noch besser. Lee spielt schnell, nimmt den Ball früh und konnte Zhang Jike mit dessen eigenen Stärken schlagen. Ich frage mich, ob der Weltmeister Zhang Jike nach den letzten Niederlagen noch einmal den Weg an die absolute Spitze zurückfinden wird – aktuell stehen dort zwei Spieler, die im Moment auf deutlich höherem Niveau agieren..

Im Achtelfinale bei dieser WM standen 4 Chinesen, 3 Deutsche, 2 Japaner und 2 Hongkong-Chinesen – das spiegelt die aktuellen Verhältnisse im Tischtennis ganz gut.

Ein Wort noch zu Ruwen Filus. In Düsseldorf hat Ruwen einfach herausragend gespielt – für mich ist er der weltbeste Allrounder. Die Abwehr lebt weiter, verändert sich aber immer mehr zu diesem unvorhersehbaren Spielsystem mit Mischung aus Abwehr und Angriff – so wie Ruwen Filus es zelebriert: Er nutzt die langen Noppen (Ruwen spielt den Feint-Long 3) auch zum Blocken und für kurze Rückschläge. Mit seinem außergewöhnlichen Rückhandaufschlag ist er schwer auszurechnen, im Spiel antizipiert er ausgezeichnet und kann überraschend beidseitig angreifen. Das Achtelfinale gegen Fan Zhendong war ein unglaublich gutes Spiel – die Nummer 2 der Welt musste sich mächtig strecken!
Zu Timo Boll: In einer derart guten Verfassung habe ich Timo seit einigen Jahren nicht mehr gesehen – agressiv auf der Rückhandseite, spritzig-beweglich auf den Beinen und mit der gewohnt-einzigartigen Übersicht – stand Timo völlig zu Recht im Viertelfinale in Düsseldorf. Eine Runde zuvor hatte er Marcos Freitas im Matchverlauf zunehmend im Griff, dem Portugiesen gelang es von Satz zu Satz weniger ins Spiel zu finden, Timo war einfach dominant. Dann dieses Match gegen Ma Long: Gänsehaut. Timo zeigte sich taktisch fantastisch eingestellt, extrem variabel, teilweise sogar mit langen Aufschlägen, was Ma sichtlich aus dem Konzept brachte. Hätte Timo seine Führung im 6. Satz nach Hause gebracht – ich denke nicht, dass Ma Long im Entscheidungssatz genauso sicher agiert hätte! Der Weltmeister musste bei 4-8 sein absolut bestes Tischtennis spielen, um mit Timo mithalten zu können. Superstar Timo Boll schafft es nach wie vor sein Spiel beständig weiterzuentwickeln und greift nötige Veränderungen sehr früh an, zum Beispiel den zunehmenden Fokus auf gute Platzierung – Timo hat einfach ein Auge für sowas. Klasse WM!

Zu unserem Sport:

In Düsseldorf haben wir Tischtennis auf Höchstniveau erlebt – viele lange Ballwechsel und agressives Spiel, besonders die Gegenspins mit Vorhand und Rückhand werden imm wichtiger. Durch den Plastikball verschiebt sich der Fokus der Spieler mehr von Spin auf Platzierung, was den Stellenwert der Athletik weiter unterstreicht. Auch die Technik entwickelt sich weiter, Topspins gehen deutlich mehr nach vorne, der Rückhand „punch“ ist inzwischen normal geworden. Weil der Ball etwas langsamer ist, müssen die Spieler jetzt härter arbeiten um die nötige Kraft auf den Ball zu bringen. Der Rückhand-Rückschlag in all seinen Formen ist inzwischen zum Standard geworden, die Spieler beginnen mit langen Aufschlägen diese Stärke aus dem Spiel zu nehmen.

Zu Fan Zendong:

Insgesamt ein unglaublich souveränes Turnier, erst im Finale kam er wirklich ins Schwitzen. Athletisch zeigt er sich sogar noch besser als sein technischer „Vorgänger“ Zhang Jike – v.a mit nochmals härterer Rückhand.

Tomokazu Harimoto: Der 13-jährige sorgt mit seinen Ergebnissen für Aufsehen: Erst gegen Superstar Jun Mizutani gewonnen, dann erst im Viertelfinale vom Schwergewicht Xu Xin aufgehalten – um Haaresbreite. Er hat  in den letzten Monaten noch einmal riesen Schritte gemacht, ist sehr weit für sein Alter. Koki Niwa und Kenta Matsudaira waren beispielsweise auch in frühem Alter richtig gut – Harimoto ist aber schon deutlich weiter als jene damals. Er kann ein richtiger Gegner für China werden. Motiviert bis in die Haarspitzen, fokussiert auf jeden Punkt, kann mit Enttäuschung gut umgehen und er hat seit 2016 noch mehr Schlaghärte gewonnen, seine Muskulatur weiter aufgebaut. In Düsseldorf fand man ihn praktisch ständig am Tisch, er wollte gar nicht mehr aufhören zu trainieren. Ein richtiges Riesentalent für unseren Sport!

Das Finale:

war ein großes Finale – Tischtennis geht kaum besser. Nach einem erwarteten 3-1 für Ma Long, bäumt sich Kraftpaket Fan Zhendong plötzlich wieder auf. Eines der größten Finals, das ich  je gesehen habe, auf einer Höhe mit dem Match zwischen Ma Lin und Liu Guoliang damals in Rotterdam. Ma Long war im Spielverlauf über dem Tisch dominanter, beim Kurz-Kurz in VH, und konnte die gefürchteten Rückhand-Duelle vermeiden, indem er umläuft. Im 5 und 6. Satz hat Fan dann vor allem richtig aggressive Rückschläge gespielt, sich viel auf seine vermeidlich schwächere Vorhand konzentriert..

Ma Long war insgesamt betrachtet etwas kontrollierter und abgebrühter. Das Spiel war dennoch vollkommen auf Messer’s Schneide. Fan Zhendongs Stärke – diese unglaublich harte Rückhand versagte im 7. zwei Mal, als er – vielleicht etwas nervös – ein wenig zu überhastet reagierte. Smart von Ma Long: Der lange Aufschlag gegen Ende des Satzes, eben genau um Fan’s Rückhand Flip zu verhindern. Beide haben gezeigt, dass sie sehr komplette Spieler sind in diesem taktisch geprägten Finale, letztendlich entschieden von Nuancen. Ich bin mir sicher: Der Matchball von Ma Long war dann ein einstudierter Spielzug, extra halblang aufgeschlagen um den Flip zu provozieren und dann mit der Vorhand zu umlaufen. Genial.

In Düsseldorf haben wir vor begeisterten Zuschauern eine denkwürdige Weltmeisterschaft gesehen – das war wirklich ganz großer Sport!

 

Bis zum nächsten Mal,
Euer Richie

Über den Autor

Seb

Seb has succeeded in living his passion for table tennis. A long-time player, he connected to professional table tennis as commentator for the ITTF, travelling to top events such as World Championships and reporting live from the action. In 2014, Seb became part of the Butterfly Team, working in international Sales and Marketing at Butterfly Europe in Germany.

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